Westbam Interview: "Alter, werd’ mal ein bisschen groovy"

Berlin - Westbam ist einer der Gründerväter deutscher Ravekultur, ein Mann der großen Geste. Als Maximilian Lenz 1965 in Münster geboren, ist er der dienstälteste deutsche Techno-DJ von Rang: Seit 30 Jahren steht er am Pult, ab 1984 mit Wohnort West-Berlin, wo er mit seiner Firma Low Spirit die Love Parade prägte und den Großrave „Mayday“ erfand. Lenz lernte in Schwulenclubs, wollte aber in die Hitparaden, was ihm wiederholt gelang. Seine Musik ist längst ruhiger geworden; auch sein neues Album „Götterstraße“, das in diesem Monat erscheint, bietet wohlig warme Stücke in mittlerem Tempo. Spektakulär indes ist die Liste der Gastsänger und Rapper: Iggy Pop, Kanye West, Lil Wayne, Bernard Sumner von New Order oder Inga Humpe. Wir trafen Westbam in seinem Büro in Moabit zum Gespräch.

Herr Lenz, als Westbam sind Sie der Papst unter den Technokünstlern: am längsten dabei, am weitesten die Arme ausgebreitet, und das neue Album heißt auch noch „Götterstraße“.

Ja, und wenn einer Papst wird, bin ich immer hin und weg. Ich war gegen Ratzinger damals, aber als er Papst wurde, war ich trotzdem hin und weg. Und bei Franziskus bin ich auch wieder dafür. Allerdings schockiert mich, wie sehr Franziskus dem Ratzinger gleich wieder die Show gestohlen hat mit seiner Bescheidenheit. Bereits seinem ersten Auftritt fehlten die ausgebreiteten Arme, die große Ravegeste war nicht zu sehen, wie wir sie von den Technoparaden her kennen. Kein Schal, kein Brokat, nichts. Franziskus ist Minimalist.

Bei Papst Benedikt dachte man: Die Ravegeste ist hüftsteif, er mag das gar nicht …

Nein, das war nicht sein Ding. Er war auch genervt von diesen Benedetto-Gesängen. Die Leute, gerade in Berlin, haben ihn immer aufgezogen: Komm’, Alter, werde mal ein bisschen groovy. Aber er ist halt der Theologieprofessor. Zumindest muss man ihm jetzt nicht mehr drei Mal mit dem Hammer auf den Kopf schlagen, wie man das bei toten Päpsten macht! Entschuldigen Sie bitte, ich bin Mystiker im Grunde meiner Seele, solche Dinge interessieren mich.

Viele Ihrer Berliner Kollegen mochten Ihre Massenumarmungen nicht so, Sie dagegen wollten auch Popmusik machen ...

Oder: zeitgenössische Kirchenmusik. Das meine ich, wenn ich von Erlösung spreche. Der Trommelwirbel, das Geschrei, die Erlösung. Wer je, und sei es als stumpfer Tourist wie ich, in einen afroamerikanischen Gottesdienst geraten ist, weiß, was gemeint ist. Es ist wirklich wie beim Rave! Vieles von dem, was Kirche und Religion geliefert haben, kommt in einer transformierten Weise von der DJ-Kanzel herunter. Ich meine: „Let there be House“, eine Gründungsplatte!

Bleiben wir kurz auf Erden, bei Ihrem Album „Götterstraße“: Die Musik hat wenig giftige Höhen, alles klingt weich und mittig ...

Die Höhen muss ich nicht extra mit draufpacken, die höre ich schon von selber, gerade jetzt rauscht es ordentlich. Solche Ohrenleiden teile ich mit den Kollegen von den philharmonischen Orchestern: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Das ist aber eher in den hohen Mitten. Das Gehirn stellt dann diese Frequenzen von alleine her und sendet ein Rauschen aus. Nervt! Früher ging das weg, jetzt bleibt es.

Ihr neues Album arbeitet mit Stars, die sich auch mit anderen Folgen des Nachtlebens beschäftigen. Seltsam, wenn Iggy Pop über „One Million Germans on dope“ singt, eine Million druffer Deutscher, die einen neuen Herren suchen, „something new to obey“. Hat Herr Pop das selbst geschrieben?

Ja, das ist sein Text. Iggy lebte ja eine Zeit lang in Berlin und hat sicher gehört, aha, Westbam, das ist so ein Techno-DJ. Es kann sich ja nur um die Love Parade handeln, „one Million Germans on dope“, klar.

Herr Pop kommt aus Detroit, der Wiege der Technomusik!

Ach, der lebt schon zu lange in Miami, um Detroit Techno aus der Nähe mitbekommen zu haben. Deshalb ja auch seine Sichtweise: Ja, die Deutschen haben mit Techno etwas Neues gefunden, um sich zu unterwerfen. Ich teile das nicht, ich suche nur den Außenblick. Ich orchestriere den Chor. Ich ging nicht zu Iggy Pop mit der Idee „schreib mal was über die Loveparade“.

Dennoch ist ein Kaleidoskop der Nacht entstanden. Ganz ohne Vorgaben?

Das ist das beinahe Magische … Wir haben ja schon vor drei Jahren mit dem Album begonnen. Iggys Beitrag und die Gesangsspuren von Bernard Sumner von der Band New Order waren die beiden ersten Stücke. Zu dem Zeitpunkt war das Thema noch gar nicht klar. Vielleicht schließt sich ein Kreis, denn Iggy Pop weiß gar nicht, dass ich ihm ein Stück weit meinen ersten Hit verdanke: „Monkey Say, Monkey Do“ arbeitete 1988 mit einem Stimmsample, das von Iggy war. Ich werde ihm das jetzt auch nicht mehr verraten! Dasselbe gilt übrigens für Richard Butler von den Psychedelic Furs, den hatte ich 1991 gesamplet. Und jetzt singt er die Single „You need the drugs …“

Ich sage nur: eine Million Deutscher auf Drogen!

Herrje, da bin ich auch ein bisschen selbst schuld. Die Leute lesen „Westbam: You need the Drugs“, was automatisch heißt, Westbam sagt, dass jetzt alle sofort Drogen nehmen müssen! Dann kommt die Plattenfirma und sagt: Nein, nein, das ist eine Anti-Drogenhymne. Die Szene, die der Song beschreibt: im endabgetörnten Zustand morgens irgendwo stranden, zum Dealer fahren, während die Alte gerade abnervt. Pro oder kontra Drogen? Bitteschön, entscheiden Sie selbst!

Wie sind Sie mit den Stars für ihr Album umgegangen?

Kamen die zu Ihnen zu Besuch?Ich kann jetzt nicht erzählen, Kanye West und Lil Wayne sind bei mir zum Kaffeetrinken vorbeigekommen. Das sind zwei Weltkünstler auf der Höhe ihrer Wirkungsmacht, da kann man froh sein, wenn man überhaupt irgendwas kriegt von denen! Was die beiden dann geschickt haben, hatte nichts mit meiner Musik zu tun. Dennoch fand ich genial, was gerade Lil Wanye vermutlich zwischen Tür und Angel hingehustet hat. Am Ende bin ich mit diesen Tracks fast am glücklichsten, weil ich mit ihren Vocals umgehen musste. Das ist mein Geschäft als DJ seit mittlerweile 30 Jahren: zerschneiden und neu wieder zusammenkleben.

Sie waren 19 Jahre alt, als 1984 Ihr Text „Was ist Record Art“ erschien, damals eine Pioniertat, die dem DJ Autor-Status zubilligte. Heute ist der DJ eher Dienstleister – wo bleibt der Autor-DJ?

Damals gab es das alles noch nicht: Neue Musik anhand von vorhandenen Platten, das war neu. Heute würde ich sagen: Ein DJ ist Autor, so lange er sich als Autor versteht. Wenn ich sage, schicken Sie mir Ihre Lieblingsliste, und ich bringe die Sachen dann zu Ihrer Hochzeit mit, ist das vielleicht keine künstlerische Leistung – außer ich erkläre es eben zur Kunstaktion!

Die USA haben mehr als 20 Jahre gebraucht, um die DJ-Musik auch im eigenen Land bei der Masse durchzusetzen. Jetzt ist es soweit: Einzelne DJs sind Superstars. Ziel erreicht?

Ich kann mich nicht so richtig damit anfreunden, weil … Gut, es gibt schon Dinge wie Skrillex, die ich toll finde, das ist eine neue Formensprache … (das Telefon von Westbam klingelt, er drückt den Anruf weg und sagt ironisch gespreizt: Der Klingelton, das war Liszt!)Ich sehe das amerikanische Technoding nicht als Renaissance, obwohl alles in Chicago, dann in Detroit losging. In Europa wurde es zur Weltkultur. Aber das, was jetzt ins Homeland zurückschwappt, ist die weißeste Musik, die man sich vorstellen kann. Dabei war dieser Sound eine Mischung aus schwarzer und weißer Musik. Die Technowelle, welche die USA erfasst, ist für weiße Amerikaner gedacht, die sich endlich von der Übermacht schwarzer Funkmusik befreit fühlen können. Ohne mich: Ich liebe schwarze Musik, und ich möchte an der Befreiung von weißen Rassisten nicht teilhaben.

Das Gespräch führte Tobi Müller.

Westbam: Götterstraße (Universal)