Die ehemalige Sklavin Iná (Mawusi Tulani) mit ihrem Sohn (Agyei Augusto) 
Foto: Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens

Berlin - Es braucht ein wenig Geduld mit diesem Film. Er wirkt etwas theaterhaft, fast statisch, mit all den halbnahen Einstellungen auf Gesichter: Menschen, die in Großaufnahme sprechen – Schnitt, Gegenschnitt. Figuren, die in Dialogen Machtverhältnisse aushandeln oder behaupten, und die mal Vorgeschichten erzählen, mal einen Ist-Zustand beschreiben. Und doch liegt von Beginn an Spannung in der Luft, ein diffuses Unbehagen, denn die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart mit Härte und Verbitterung.

Vor nicht allzu langer Zeit erst haben sich die Verhältnisse geändert und wurde die Sklaverei abgeschafft, aber überall ist sie noch präsent. Sie bestimmt den Umgang der Menschen miteinander, ihre Gedanken und Gefühle; ja, sie ist sogar sichtbar für Ana, die die einst dienstbaren Geister in den Räumen des Hauses sieht, das sie nicht verlässt.

Eingeschlichene Gegenwart

Raumzeitlich verortet ist „Todos os mortos“ des brasilianischen Regie-Duos Caetano Gotardo und Marco Dutra in einem herrschaftlichen Haus in São Paolo, exakt zwischen dem Unabhängigkeitstag 1899 und Karneval 1900. Beziehungsweise in der Ewigkeit, da die Filmemacher das São Paolo der Gegenwart sich zunächst auf der Tonspur einschleichen lassen – plötzlich heult da irgendwo im Hintergrund irritierend ein Automotor auf – und dann beiläufig ins Bild holen: Eine Mauer in einem Park ist mit Graffiti übersät; im Hintergrund ragt mit einem Male die Silhouette der Metropole auf; etwas später öffnet sich eine Tür ins hektische Getümmel der Straßen.

Ein Kunstgriff, der das, was passiert, mit dem heutigen Brasilien verknüpft und die Erzählung als eine mit historischem Bewusstsein ausweist. Eine Erzählung, die zu den Wurzeln gegenwärtiger Zustände vordringen will.

Ein unerhörter Vorgang

Doña Isabel lebt mit ihrer etwas verschrobenen Tochter Ana, die keinen Mann finden will, in der Stadt; Tochter Maria, die Nonne, kommt des Öfteren zu Besuch; der Vater ist abwesend, er arbeitet als Verwalter auf der Kaffeeplantage, die ehemals der Familie gehörte. Der Schock über die neuen Zeiten äußert sich bei allen unterschiedlich, führt aber schließlich dazu, dass Maria auf Bitten Anas eine ehemalige Sklavin ein heidnisches Ritual durchführen lässt.

Ein unerhörter Vorgang, der der Problemgemengelage eine weitere Dimension hinzufügt. Zum Motiv der zerrissenen Familien kommen die spirituelle Entwurzelung und die Unterdrückung des kulturellen Erbes der aus Afrika Verschleppten. Wie nebenher macht „Todos os mortos“ einen nicht wieder gutzumachenden Identitätsraub sichtbar. Im Zuge dessen zudem ersichtlich wird, dass der fortgesetzte kolonialistische Zugriff der Weißen auf die Schwarzen, der sich unter den geänderten Vorzeichen als Entwicklungshilfe tarnt, doch nicht weniger mörderisch ist. Es wird viel geredet in diesem Film. Aber es ist noch lange nicht alles gesagt.