Berlin - Das Land ist schön, aber es ist nicht freundlich zu den Menschen, die sich ihm entziehen wollen. Barbara muss das erfahren, nachdem sie einen Ausreiseantrag in den Westen gestellt hat. Erst wird sie inhaftiert, was diese stolze Frau zeichnet und dem Freundeskreis entfremdet, aber nicht brechen kann. Und dann wird sie aus Berlin, Hauptstadt der DDR, in die Provinz strafversetzt. Auch hier, irgendwo im Norden der kleinen Republik, steht die Kinderchirurgin von der Charité unter Beobachtung der Staatssicherheit. Barbara ist das vollkommen bewusst; die Schikanen der Hauswartfrau lassen sich ebenso wenig fehldeuten wie die Blicke gewisser Kollegen im kleinen Kreiskrankenhaus. Und dann sind da noch die unangekündigten Besuche dreier sich unverschämt benehmender Wächter der inneren Sicherheit bei ihr in der Wohnung, Leibesvisitation inbegriffen.

Was soll Barbara da schon tun? Wie einst in Berlin macht sie ihre Arbeit auch hier sehr gut. Sie wahrt außerdem Abstand, und sie wartet, während ihr Geliebter aus dem Westen ihre Flucht über die Ostsee in die Bundesrepublik vorbereitet. Manchmal treffen sich beide heimlich, hastig im Wald oder in einem Hotel, stets auf der Hut vor jeder noch so zufällig scheinenden Begegnung mit anderen Menschen. Der nette Trabi-Fahrer mit dem Hütchen, der sich für das elegante Westauto interessiert – ein Spitzel? Der fürsorgliche und fähige Kollege (Ronald Zehrfeld) aus der Klinik – ein Informant?

Verteidigung der Menschlichkeit

Christian Petzold ist mit seinem neuen Film „Barbara“ ein großes Wagnis eingegangen. Der im nordrhein-westfälischen Hilden geborene, in Berlin lebende Regisseur erzählt von der DDR um 1980, ohne sie jemals als deren Bürger erlebt zu haben, also ohne sie wirklich zu kennen. Und dennoch gelingt ihm dieser Film auf das Beglückendste! Kaum ein westlich sozialisierter Regisseur hat die Atmosphäre in dem „ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden“ (so dessen einstige Selbstbeschreibung) je so erfasst wie Petzold und die Geschichte, die er erzählt über das dem Untergang geweihte Land und seine Menschen, dabei auf so kluge, raffinierte Weise anschlussfähig gemacht für heutige Zuschauer.

Wie kommt das? Mit seiner Hauptfigur Barbara hält auch Christian Petzold bewusst Abstand. Weder maßt sich dieser Regisseur Einfühlung nach Hollywood-Maßstäben an, wie Florian Henckel von Donnersmarck in „Das Leben der Anderen“, noch liefert er das Porträt eines Unterdrückerstaats samt dessen Symbolen, die zu zeigen sowieso nirgendwohin mehr führt. Deswegen kann man bei diesem Film auch leicht hinwegsehen über Ungenauigkeiten im Detail. Ratatouille in der DDR? War dieses französische Gericht im „Arbeiter-und-Bauernstaat“ wirklich bekannt und verbreitet? Geschenkt!