Nürnberg - Am Anfang war die Selbstberauschung. Die von Thomas Gottschalk sowieso, aber auch die des Publikums. Minutenlang erfreute es sich daran, dass einmal noch eine Fernsehshow gesendet wird, wie es sie früher immer gab, aber wohl nie wieder geben wird: „Wetten, dass...?“

Musste das sein? Gottschalk begann mit dem, von dem er wohl meinte, es werde von ihm erwartet – einem bunten Strauß lauer Herrenwitze. Jetzt auch mit Kritik am Gendern – dem Versprechen, sich als alter weißer Mann nicht darüber aufregen zu wollen.

Zur Erinnerung: Thomas Gottschalk gehörte zu den Teilnehmern der inzwischen gecancelten WDR-Show „Die letzte Instanz“, in der arglos über die Frage schwadroniert wurde, ob N- und Z-Worte noch verwendet werden dürfen. Gottschalks bemühte Lockerheit wurde hernach als Teil des Problems beschrieben. Demütig versprach er Besserung.

Jetzt aber ging es um das unverdächtige Prinzip der Volkswette, mit dem das deutsche Unterhaltungsfernsehen vier Jahrzehnte lang bei sich war und zu den Leuten kam.

Regression? Oder was will man uns sagen?

Keine Sorge, das wird jetzt keine schlecht gelaunte Fernsehkritik. So etwas besorgen die Zuschauer heute selbst, indem sie unentwegt twittern. Ich wundere mich unterdessen über meine Gleichmut, der Veranstaltung stundenlang beigewohnt zu haben in dem Erstaunen, dass so etwas immer noch möglich ist.

Die große Gottschalk-Sause war in ihrer selbstgefälligen Trutschigkeit einmal innovativ, jedenfalls nah dran. Die Sängerin Pink habe ich seinerzeit über „Wetten, dass...?“ kennengelernt. Unvergessen Gottschalks onkelhafte Anmoderation, er habe ihren großen Bruder noch gekannt: Punk.

Jetzt aber frage ich mich, was diese Form der televisuellen Regression mir sagen will. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein alterndes Publikum aufgeschlossen gegenüber der Erinnerung an sich selbst und den vermeintlich guten Zeiten ist. Schon deswegen ist ABBA wieder da, die aber wohl nur, weil sie für ein multimediales Projekt noch ein paar neue Songs benötigten. Dass Björn und Benny ohne ihre einstigen Frauen zu „Wetten, dass ...?“ kamen, werte ich als intelligenten performativen Rest, sich nicht vollends einer Déjà-vu-Gefühligkeit hinzugeben. Und dass sie dann ihren Song „SOS“ in einer Karaoke-Version mit Helene Fischer zum Besten gaben? War das nicht die Idee? Oder ist es bereits durch Böhmermann und sein Helmut-Kohl-Musical gekapert? Udo Lindenberg war natürlich auch dabei.