Berlin - Sage niemand, dieser Tag sei überraschend gekommen! Der Abschied war ja lang angekündigt: „Wenn ich die Nase voll hätte, würde ich es lassen“, drohte Thomas Gottschalk im Stern. Das war zur Jahrtausendwende. Zu diesem Zeitpunkt erreichte das ZDF mit „Wetten, dass...?“ noch rund 15 Millionen Zuschauer. Deutlich mehr Publikumszuspruch, als dieser Tage überhaupt noch möglich ist, aber auch nicht mehr so viel, wie für „Wetten, dass...?“ zu Frank Elstners Zeiten noch üblich war: Marktanteile von 50 Prozent zum Beispiel. So wie sich „Wetten, dass...?“ unter Thomas Gottschalk entwickelte, so trudelte auch das Leitmedium Fernsehen ins Internetzeitalter.

Wie lang sich Thomas Gottschalk auf dieser schiefen Ebene relativ trittsicher hielt, zeigt ein Blick zurück in die Archive der Presse, die ja praktisch jeden Schritt des Münchners auf dem Weg vom „Pop-Schalk“ (Spiegel) zum „Show-Titan“ (Bild) publizistisch begleitete. So weiß zum Beispiel die Deutsche Presseagentur am 11. Januar 1994 zu berichten, dass Thomas Gottschalk sauer auf die Programmplaner seines (Noch-)Arbeitgebers RTL ist, weil der am Tag seiner Rückkehr zu „Wetten, dass...?“ mit viel Gespür für Ironie ausgerechnet den Hollywood-Film „Zurück in die Zukunft II“ sendet.

Stars im Zentrum der Show

Man muss tatsächlich weit in der Programmgeschichte zurückblättern, um die wirklichen Anfänge des TV-Gottes Gottschalk aufzustöbern. Frank Elstner hatte den jungen „Na sowas!“-Moderator 1987 eigens als seinen Nachfolger vorgeschlagen, die Fernsehnation erwartete nun von Gottschalk, den das ZDF zunächst übrigens nur für ein Jahr verpflichtet hatte, nicht weniger als eine Runderneuerung des Fernsehsonnabends. Denn die „großen Hallenshows“, darin waren sich laut Spiegel die Leute vom Lerchenberg einig, seien zum Aussterben verdammt.

Zunächst schien das auch Gottschalk nicht aufhalten zu können. So sehr sich alle zuvor über den trockenen Moderationsstil von Elstner geärgert hatten (Rudi Carrell ätzte im Spiegel: „In der letzten Sendung mit Elstner gab es in den ersten 50 Minuten nicht einen einzigen Lacher!“), so harsch waren die Urteile nach Gottschalks ersten „Wetten, dass...?“-Ausgaben. Sind „aller guten Dinge drei?“, fragte zum Beispiel gnadenlos die Hörzu und führte über die „in die Schusslinie geratene Show“ ein kritisches Gespräch mit dem ZDF-Redakteur Holm Dressler. Der gelobte: „Wir werden keine Verrenkungen und keine Verbeugungen machen, um die Einschaltquoten von Frank Elstner zu erreichen.“

Tatsächlich baute Holm Dressler später mit Produzent Fred Kogel so ziemlich alles um, was Elstners „Wetten, dass...?“ groß gemacht hatte. Nicht mehr die Wetten, sondern die Stars wurden zum Zentrum der Sendung. Und ihr Gastgeber Gottschalk, der seine Starrolle bald folgendermaßen beschrieb: „Bei ,Wetten, dass...?‘ werde ich aus dem Zylinder geholt, wie ein Karnickel, das die Nation dann bestaunt.“ Diese Zirkusnummer drohte sich rasch zu verbrauchen, weshalb das ZDF die Gottschalk-Taktzahl von acht auf sechs Sendungen pro Jahr reduzierte. 1990 fragte die Hörzu bang: „Das klingt nach einem Abgesang. Steht das Ende schon fest?“

Es sollte noch knapp zwei Jahre dauern, bis Gottschalk erklärte, genug von diesem Zirkus zu haben. Der von den Zuschauern favorisierte Nachfolger hieß schon damals Hape Kerkeling. Es wurde dann aber Wolfgang Lippert. In der letzten Ausgabe mit Gottschalk sang das Produktionsteam seinem zum Privat-TV wechselnden Frontmann ein sentimentales Ständchen: „Thomas G, Thomas G, hohiho/du machst die schönste Show/ und verlässt dich das Glück/ dann komm doch zu uns zurück.“ Und so kam es dann ja auch.

Vernichtende Kritiken

Während Thomas Gottschalk sich, gelinde gesagt, mit der Late-Night-Show bei RTL schwer tat, waren die Stiefeletten, die er beim ZDF hinterlassen hatten, für Wolfgang Lippert nach allgemeinem Bekunden ein paar Nummern zu groß. Kurz: Die Kritiken waren vernichtend. So lange jedenfalls, bis Gottschalk sich entschied, doch lieber wieder öffentlich-rechtlich an Teebeuteln zu schnuppern.

Für Wolfgang Lippert sei dies „möglicherweise ein persönlich schmerzhafter Prozess“, hatte ZDF-Intendant Dieter Stolte bei der Pressekonferenz feinsinnig gemutmaßt, aber in jedem Abschied liegt ja bekanntlich auch ein Neuanfang: Kaum war das Aus für Lippert verkündet, nahm der Boulevard den Weggemoppten reflexartig in Schutz: „Lippi plötzlich bärenstark“, jubelten die Springer-Blätter Bild und BZ und fragten besorgt. „Ob es richtig war, Lippert die Sendung wegzunehmen und sie Thomas Gottschalk zuzuschustern?“ Immerhin habe der scheidende Moderator, von dem die taz, schrieb, er habe sich „ölig-nett vom ZDF erniedrigen“ lassen, beim Publikum doch etliche Sympathiepunkte gesammelt. „Thommy wird es schwer haben“

Im Mai 1994 verabschiedete sich Lippert mit weisen Worten : „Das ist nämlich das Allerwichtigste im Fernsehen, dass man Menschen hat, die die Sendungen schauen, die man selber macht.“ Sein Nachfolger, der schon sein Vorgänger gewesen war, moderierte die Sendung noch ein paar Jahrzehnte weiter. „Thomas Gottschalk ist der Helmut Kohl des Samstagabends“ schrieb die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Der Aussitzer“. Und hat Recht behalten. Beide konnten zum Rücktritt nur durch einen Skandal gezwungen werden. Und hinterließen ihren Nachfolgern ein Minenfeld.