Auf eines war in den vergangen zweieinhalb Jahrzehnten immer Verlass. Egal, wie sehr draußen die Welt zusammenstürzte oder pleite ging: im Fernsehen kam Thomas Gottschalk sechs- bis siebenmal im Jahr in einem lustigen Anzug aus der Showkulisse und sorgte dafür, dass am anderen Morgen mal niemand über Krisen redete, sondern darüber, wie durchsichtig das Kleid eines Stargasts war, wann Gottschalk wem ans Knie gefasst hat und was sich alles für Kunststücke mit Baggern anstellen lassen.

Kurz gesagt: Es war eine Institution, dieses „Wetten dass..?“ mit Thomas Gottschalk. Vielleicht wird es künftig, egal wer den Laden jetzt übernimmt, nur noch eine Fernsehshow sein.

Und trotzdem wäre es schön gewesen, wenn der Abschied von dieser Institution etwas weniger staatstragend ausgefallen wäre. Wenn Gottschalk sich zum Schluss einfach von all seinen Gästen noch einmal hätte feiern lassen. Mit Luftschlangen, Konfetti, Blasmusik. Wenn der Intendant aus der ersten Reihe aufgestanden wäre und ihm die Hand geschüttelt hätte. Wenn der Moderator seine Frau auf die Bühne geholt und sich bedankt hätte, dass sie den Unsinn all die Jahre mitgemacht hat. Und wenn noch einmal die „Wetten dass..?“-Musik gelaufen wäre.

Es ist dann aber doch dramatischer geworden. Erst ging das Licht aus, und an der Hallenwand flackerte in Leuchtbuchstaben „Danke Thomas“. Und dann stand Thomas Gottschalk plötzlich ganz alleine da und hielt einen Abschiedsmonolog – über den tieferen Sinn von Unterhaltung, seine Prinzipien und das Publikum: „Ich hab’s für Sie gemacht!“ Anschließend lief er, getaucht in blaues Licht und zu gedämpfter Musik im Abspann, allein durch den Bühneneingang. Fertig.

Heimspiel für Gottschalk

Nix mit Konfetti. Nun ist Gottschalk also aus dem ZDF entschwunden wie „Ein Engel auf Erden“. Aber der Mann ist ja nicht aus der Welt! Obwohl die zuschauerbefreite Zone des ARD-Vorabends, in der er künftig wirkt, da schon nah rankommt.

Die drei Stunden seines Abschieds vom Samstagabend waren für ihn in jedem Fall ein Heimspiel gewesen. Unter anderem, weil sein Kumpel Günther Jauch als Gast auf dem Sofa saß, sich beinahe die Nachfolge aufquatschen ließ und später zum Daueropfer auserkoren wurde. Denn der Einsatz für verlorene Promiwetten lautete an diesem Abend jedes Mal: Günther Jauch muss in seiner nächsten Sendung einen alten Anzug von Gottschalk auftragen. Es hat nur dummerweise keiner der Gäste falsch gelegen.

Von jeglichen Moderationskärtchen befreit, plauderte Gottschalk aber auch mit seinen anderen Gästen unbeschwert drauf los: mit Basketballstar Dirk Nowitzki über Amerika, und mit Karl Lagerfeld darüber, dass keiner mehr verrückte Klamotten trägt. Von Meat Loaf gab’s zum Abschied einen dicken Schmatz, Lenny Kravitz schaute kurz vorbei. Nur der amerikanischen Schauspielerin Jessica Biel, von Filmpartner Til Schweiger angeschleppt, entgleisten die Gesichtszüge, als Gottschalks sie plötzlich fragte, ob denn nun was zwischen ihr und Justin Timberlake laufe, wie er gelesen habe. Schweiger saß daneben und sagte nur: „Oh oh“. Und Biel musste glücklicherweise bald daraufhin zum Flieger.

Zwischen den vielen Rückblickfilmchen war sogar noch Platz für ein paar Wetten. Ein Kandidat erkannte WC-Spülungen am Hören, ein Mountainbiker fuhr bei der Außenwette in Ischgl einen Schneeparcours schneller als ein Snowboarder, und Wettkönige gab’s zum Schluss gleich fünfzig: die Turner nämlich, die allesamt per Salto auf einen nur zwei Quadratmeter großen Tisch sprangen und sich dort zu einem Menschenknäuel verknoteten.

Unschlagbar im Umgang mit den Zuschauern

14,7 Millionen Menschen wollten Gottschalks Abschied von „Wetten dass ..?“ sehen – besser war die Quote seit Jahren nicht. Fast jeder Zweite, der an diesem Abend fernsah, hatte ZDF eingeschaltet. Im Vergleich zur Novembersendung waren sogar 5 Millionen Menschen mehr dabei.

Dabei war der eigentliche Höhepunkt der Show diesmal schon vorbei, bevor es überhaupt losging: Vor dem eigentlichen Start übertrug das ZDF nämlich schon live, wie Gottschalk das Saalpublikum in Friedrichshafen auf die Sendung einstimmte. Und im Umgang mit seinen Zuschauern ist der Mann einfach unschlagbar, egal ob Würdenträger oder Hausfrau.

Der Oberbürgermeister bekam die Hand geschüttelt und die Krawatte gerichtet, Kompliment an die Gattin, dann war der Intendant dran. Anschließend noch ein Foto mit dem Fernsehrat – obwohl: „Ist jetzt nicht mehr so wichtig.“ Als Gottschalk merkte, dass er den falschen erwischt hatte, fuhr er zurück: „Um Gottes Willen, ich hab mich vergrüßt!“ Und flüchtete in die Ränge, schüttelte noch mehr Hände, ließ sich mit selbstgebackenen Keksen beschenken und klärte nebenbei, ob alle ihren Platz haben, weil es in der fünften Reihe noch ein großes Umgesetze gab.

Das große Saalpublikum wird ihm fehlen, wenn er schon Ende Januar im Ersten mit seiner werktäglichen Sendung „Gottschalk live“ wieder auftaucht. Dass er die Lobeshymnen, die in den vergangenen Monaten auf seine Person gesungen wurden, damit gleich wieder aufs Spiel setzt, ist wahrscheinlich ein berufsbedingt notwendiger Nervenkitzel.

„Wenn ich jetzt ganz einfach aus dem Scheinwerferlicht verschwinden würde, muss ich ehrlich sagen, hätte ich ein Problem und Sie hoffentlich auch“, erklärte Gottschalk am Samstag. Im Moment lässt sich dem nur schwer widersprechen.