Eigentlich, so gestand Michael Moore kürzlich in einem Interview mit der New York Times, wolle er nach „Capitalism“ – seinem antikapitalistischen Rundumschlag von 2009 – keine Filme mehr machen. Er habe genug davon, den amerikanischen Konservativen als Buhmann zu dienen, während seine Freunde unter den Linken phlegmatisch blieben. „Man hat mir Kuhdung in meinen Vorgarten gekippt und die konservativen Hetzsender haben mich von morgens bis abends beschimpft, während gleichzeitig niemand etwas unternommen hat, um wirklich in Amerika etwas zu verändern.“

Michael Moore ist etwas weniger verbissen

Doch der 61-jährige Dauerkritiker der Fäulnis im Zentrum des amerikanischen Traums konnte doch keine Ruhe geben. Sechs Jahre nach seinem Wall-Street-Film kommt zum Start des Präsidentschaftswahlkampfs sein neuestes Werk in die US Kinos. Und Michael Moore bleibt sich auch mit diesem Film treu. Er ist eine Klage darüber, was in seinem Land schiefläuft, ein erneuter Versuch, seine Landsleute aufzurütteln und sie zu zwingen, den unschönen Tatsachen ihrer Gesellschaft ins Auge zu sehen. Aber der Ton ist anders als gewohnt: Moore ist im fortgeschrittenen Alter etwas weniger verbissen, und bisweilen schimmert bei aller berechtigten Schwarzmalerei ein wenig Optimismus durch.

Die neue Leichtigkeit spiegelt sich schon in der filmischen Strategie. Anstatt durch Amerika zu reisen, aufzuzeigen, wo es stinkt und die Mächtigen mit ihren Missetaten zu konfrontieren, sucht Moore nach Lösungen. Dazu schifft er ein nach Übersee, klappert Frankreich, Italien, Island, Portugal, Norwegen, Slowenien, Finnland und auch Deutschland nach Ideen ab, die seine Heimat weiter bringen.

Als wäre er im gelobten Land angekommen

Dabei wirkt der tapsige Amerikaner mit den verschmierten Jeans so, als wäre er im gelobten Land angekommen. In seinen Augen hat Europa es einfach besser. Der Amerikanische Traum, in seiner Heimat längst zur makabren Fiktion verkommen, ist in der alten Welt Wirklichkeit. So bewundert er in Italien die großzügige Urlaubsregelung und die simple Philosophie, dass glückliche Arbeiter der Produktivität dienen. In Norwegen besucht er Einrichtungen des ebenso humanen wie effektiven Strafvollzugs. In Frankreich genießt Michael Moore in einer Schule das Kantinenessen, das in seinem Heimatstaat Michigan als Viersterne-Menü durchgehen würde. In Finnland bekommt er vorgeführt, wie man ohne Leistungsdruck Bildung auf internationales Spitzenniveau anheben kann.

Weiter geht es nach Portugal, wo Drogengebrauch, Drogenhandel und vor allem deren soziale Kosten minimiert werden, indem man Drogen entkriminalisiert. In Slowenien besucht er eine staatliche, kostenlose Universität, wo die Studenten bei dem Gedanken der Verschuldung für Studiengebühren entsetzt den Kopf schütteln. An Deutschland gefällt ihm das Konzept von Aufsichtsräten mit Arbeitnehmervertretung. Vor allem aber lobt er die Deutschen dafür, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehen. Nur wenn es Amerika schaffen würde, sich derart vorbehaltlos den Grausamkeiten seiner Geschichte zu stellen, so Moore, hätte es die Chance , zu einer besseren Gesellschaft zu werden, in der es etwa Rassismus schwerer hätte.

Balsam für die europäische Seele

Das alles ist Balsam für die europäische Seele. Aber der Film ist für Amerikaner gemacht, und er offeriert sein weich gezeichnetes Bild für polemische Zwecke. Von der italienischen Wirtschaftsmisere ist ebenso wenig die Rede wie von der Armut in Portugal oder von Brandanschlägen auf Asylbewerberheime in Deutschland. Das alles würde auch nicht zu Moores neuem Optimismus passen. Am Ende des Films geht er an den Resten der Berliner Mauer spazieren und erinnert sich daran, wie unmöglich es einst erschien, dass diese fällt. Ebenso unmöglich, wie die Wahl eines schwarzen Präsidenten in den USA oder die Legalisierung der Homo-Ehe in allen 50 US-Staaten.

Für den neuen Moore ist Amerika also nicht ganz verloren. Das bestätigte er in Interviews, in denen er die Überzeugung äußerte, dass das Land viel weiter links stehe, als man glaube, und dass der nächste Präsident garantiert aus dem demokratischen Lager kommen werde. Die Bereitschaft der neuen Welt, mit Moore den Hochmut abzulegen und von der alten Welt das eine oder andere zu lernen, hat dementsprechend eine reelle Chance. Einer wie Moore müsste dann auch nicht mehr wie der arme Verwandte aus der Provinz durch Europa tapsen und sich für die Dummheit seiner Landsleute entschuldigen. Auch wenn das hohen Unterhaltungswert hat.