Die Mäuse und der liebe Gott

Winfried Schröders „Ursprünge des Atheismus“ ist eine akribische Untersuchung, ein Buch, das es ernst, vielleicht etwas gar zu ernst meint. Man versteht das, bevor man die erste Zeile gelesen hat: Es ist eine Habilitation. Dem Volksglauben, die Gottesprediger seien immer von Gottesleugnern begleitet worden, tritt Winfried Schröder mit philosophisch geschultem Kopf und Staunen erregender Quellenkenntnis entgegen. Beides macht das Buch zu einer aufregenden Lektüre. Sie ist vielleicht nicht leicht, aber Schröder gelingt es, uns die Argumente seiner verschollenen Autoren deutlich zu machen. Nicht, in dem er uns etwas beibringt, sondern indem er uns teilhaben lässt an seiner eigenen Bemühung genau zu verstehen, was zum Beispiel ein „Theophrastus redivivus“ sagte. Es gehört zum Charakter vieler dieser Texte, dass man über den Autor, über Entstehungszeit und –ort nur mehr oder weniger gut begründete Vermutungen anstellen kann. Schröder wägt – das gehört zum Genre der Habilitation – die verschiedenen darüber verbreiteten Thesen sorgfältig ab. Wieder nimmt der Leser teil an seinem Denkprozess. Er kann mit wägen und verwerfen. Hier kann man etwas lernen über den demokratischen Charakter der Wissenschaft. Schröder ist kein auktorialer Erzähler, dem der Leser sich auf Gedeih und Verderb anvertraut. So schön das immer wieder sein mag, so sehr Schröders Leser manchmal auch ungeduldig wird und denkt, nun soll er doch endlich einmal sagen, wie es wirklich war - die mühevolle Arbeit des Mit- und Gegendenkens bereitet am Ende doch die größere Lust. Die „Ursprünge des Atheismus“ liegen nicht verborgen in den Tiefen der Zeit. Der Atheismus, wie Schröder ihn philosophisch nimmt, ist die Antwort auf den Theismus. Darauf hätte man deutlich schneller kommen können. Aber der Weg ist hier - wie so oft - das Entscheidende. Solange es keinen Theismus gab, gab es keine Notwendigkeit, ihn zu kritisieren. Wer die Götter leugnete, leugnete sie, nicht aber den verborgenen Gott. Die Kritik des Katechismus-Gottes brachte nicht sogleich die Leugnung Gottes, sie brachte zunächst den Gott der Philosophen hervor. Erst als der sich anheischig machte, den Thron zu besteigen, begannen die Mäuse der Kritik auch ihn an- und weg zu knabbern. Die Mäuse hatten nicht in jedem Abschnitt der Auseinandersetzung Wissenschaft und Vernunft auf ihrer Seite. Auf die Hypothese Gott zu verzichten, war keine Garantie dafür, nicht anderen Legenden auf den Leim zu gehen. Darauf weist Schröder immer wieder hin. Die Atheisten hielten noch lange, nachdem die Vorstellung einer „Urzeugung“ des Lebens naturwissenschaftlich überholt war, aus weltanschaulichen Gründen daran fest. Gerade eine naturwissenschaftlich aufgeklärte Philosophie, so argumentiert Schröder, konnte im 18. Jahrhundert nicht atheistisch sein. Jedenfalls nicht materialistisch-atheistisch. Allenfalls Vertreter eines skeptischen Atheismus hält er für intellektuell satisfaktionsfähig. Es gab damals aber, darauf weist Schröder auch hin, nicht nur Naturwissenschaft, sondern auch Religionsgeschichte, Aufklärung darüber, wie Religionen entstehen und vergehen. Die Annahme einer Intelligenz, die alles oder doch wenigstens die Regeln, nach dem alles entsteht und vergeht, geschaffen hat, wurde von dieser Seite nicht unerheblich in Frage gestellt. Da spielte die Überlegung, ob das Leben „aus Fäulnis spontan hervorgehe“ eine untergeordnete Rolle. Wenn nicht so, dann eben anders. Aber jedenfalls ohne die Annahme eines Schöpfers. Das ist für Schröder keine Wissenschaft, sondern Weltanschauung. Das mag stimmen. Das trifft freilich auch auf den Versuch zu, jede Wissenslücke mit Gott zu stopfen. Am Ende seines Buches – vor dem die einzelnen Quellen vorstellenden Anhang -  über die „Ursprünge des Atheismus“ steht der interessante Satz: „Die simple Negation der Existenz Gottes hat keine historische Signatur.“ Gibt sich der Philosophiehistoriker hier geschlagen? Nein. Er meint wohl, dass die Leugnung der Existenz Gottes immer die Leugnung eines bestimmten Gottes, einer bestimmten Vorstellung von Gott ist. Die hat es immer gegeben. Darum hat sie keine historische Signatur. Die erhält sie erst in der Analyse einer bestimmten Geschichte einer bestimmten  Vorstellung von Gott und seiner Leugnung. Der ist Winfried Schröder nachgegangen und es ist ein Vergnügen, wiederum ihm nachzugehen. Auch, wenn man als kleine, knabbernde Maus nicht alles darin verstanden hat.

Winfried Schröder, Ursprünge des Atheismus – Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts, frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstadt 2012, 648 Seiten, 148 Euro

Lesen und schreiben lernen unter den Nazis

Man konnte es wissen. Man wusste es: „Lublin den Juden. Der Nazi-Plan. Ein steiniger Weg zur Vernichtung“ lautete die Schlagzeile über einem ungezeichneten Artikel in der Londoner Times vom 16. Dezember 1939. Autor war Sir Lewis B. Namier, geboren als Ludwig Bernstein Namierowski (1888-1960), ein 1907 aus Galizien nach England emigrierter Historiker. Er war damals Professor in Manchester und arbeitete für die Flüchtlingshilfe der Jewish Agency in London. Der Artikel beschreibt und analysiert, was die Deutschen mit dem von ihnen besetzten Polen tun und was zu tun sie vorhaben. Ein Gebiet um Lublin war als „Judenreservat“ vorgesehen. Die Schätzungen über die vorgesehene Größe des Reservats differieren sehr. Aber das spielt, so Namier, kaum eine Rolle, „denn ins Auge gefasst wird ein Ort, der eindeutig der schrittweisen Vernichtung dienen soll und nicht etwa als ‚Lebensraum’, wie es die Deutschen nennen würden.“ Der Times-Artikel ist eines von 320 bestens erläuterten Dokumenten im neusten, dem dritten Band der Dokumentation „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“. Gegenüber der New York Times erklärte Nahum Goldmann (1895-1982) am 25. Juni 1940: „Falls die Nazis den Endsieg erringen sollten, sind sechs Millionen Juden in Europa zum Untergang verurteilt.“ Wer das damals las, wehrte die Vorstellung, in ein paar Jahren könnte es in Europa keine Juden mehr geben, als jüdische Angstpropaganda ab. Wer in der Nazipresse auf die gleichen Zukunftsbilder stieß, machte sich womöglich lustig über die Allmachtfantasien des Führers. Beides waren fatal falsche Reaktionen. Am 1. September 1939 hatte Adolf Hitler im Deutschen Reichstag erklärt, wenn es zu einem allgemeinen Krieg in Europa käme, mit anderen Worten, wenn sich die europäischen Nachbarn die ständige territoriale Erweiterung Nazi-Deutschlands nicht gefallen ließen, dann werde „das Judentum in Europa seine Rolle ausgespielt haben.“ In seiner in diesem Band dokumentierten Rede im Berliner Sportpalast am 30. Januar 1941 erneuerte Hitler diese Drohung. Man wusste, was Hitler vorhatte. Man wusste es aus seinen Reden und man wusste es aus den Taten des von ihm geführten Deutschen Reiches. Man konnte es aber nicht, man wollte es aber nicht glauben. Tatsachen, die nicht ins Bild passen, brauchen – bei den meisten Mitgliedern unserer Spezies  - lange, um vom Bewusstsein akzeptiert zu werden.

Von den sechzehn vorgesehenen Bänden des Großprojekts „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ sind fünf bereits erschienen: Die Bände eins bis vier und Band sieben. Letzterer ist der erste von zwei Bänden, die sich mit der Vernichtung der Juden auf dem Territorium der Sowjetunion und den von ihr annektierten Gebieten beschäftigt. Herausgegeben wird die Edition von Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Gertrud Pickhan, Dieter Pohl, Hartmut Weber und Andreas Wirsching im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte, des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und des Lehrstuhls für Geschichte Ostmitteleuropas an der Freien Universität Berlin. Natürlich ist das kein Werk, dem man wünscht, dass es in jedem Billy-Regal stehen soll. Aber jeder Benutzer einer öffentlichen Bibliothek sollte darauf dringen, dass er es dort einsehen kann.

Hier sind nicht nur alle offiziellen Dokumente der nationalsozialistischen Judenvernichtung zu finden. Hier wird auch deutlich, wie tief der Judenhass in den Alltag reichte, wie er geschürt wurde. Das Dokument 13 des dritten Bandes ist ein Diktat aus der achten Klasse einer Schule am Kaiserstuhl. Eine Rechtschreibeübung. Man sieht die Kinder über die Hefte gebeugt, am 19. September 1939. Wer zum Erzählen neigt, der könnte jetzt das Wetter in Eichstätten ergoogeln und sich ein Bild machen von den bezopften Schülerinnen und den Jungen, die in kurzen Hosen in ihren Bänken sitzen und womöglich an dem Wort „Kradschützen“ scheitern. Der Text schildert die Situation in einer besetzten polnischen Stadt: „Eben fährt vor dem Hause ein Wagen mit gefangenen polnischen Soldaten zur Vernehmung vor. Verdreckte, an den mageren Körpern schlotternde Uniformen, hohle Wangen, stierende Augen. Offiziere des Stabes kommen und gehen. Eine Straße weiter zieht eine Sanitätsstaffel in ein noch halbwegs sauberes Haus ein. In dem Obstgarten parken dampfende Feldküchen. Motorengebrumm in den Lüften. Vom nahen Flugplatz her schraubt sich eine Kette Aufklärer hoch, strebt zur Front. An den Hauswänden entlang schieben sich barfüßige Polenweiber und schmierige Kaftanjuden. In einem Hof ein ganzer Haufen zerlumpter Kinder. Essensausgabe der N.S.V. Feldpolizei sorgt für Ordnung.“ So lernten die Kinder der Väter des Grundgesetzes – das ist die paradoxe Wahrheit – lesen und schreiben. Der Rassenhass mochte mystisch wabern, aber er artikulierte sich auch in einem an der Neuen Sachlichkeit geschulten Stil. Auch das kann man lernen in diesen Büchern.

Deutsches Reich und Protektorat September 1939 – September 1941, bearbeitet von Andrea Löw, Band 3 von „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“, Oldenbourg Verlag, München 2012, 796 Seiten, 59,80 Euro.