Im Kuppelsaal des Käthe-Kollwitz-Museums. In der Mitte die Installation von Hannah Dougherty zu den ausgestorbenen Sauriern
Foto: Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Berlin- Oben, auf der Treppe zum Kuppelsaal des Käthe-Kollwitz-Museums, bin ich eigentlich auf harte Kontraste gefasst. „Schwarz + Weiß“ – der Ausstellungstitel kündigt Gegensätzliches an. Aber es kommt anders: Hier herrscht eine Atmosphäre der entschleunigenden Erzählung, der Kontemplation. Und der Melancholie.

Acht Frauen, jüngere und ältere, aus dem Verein Berliner Künstlerinnen haben die ausschließlich monochrome Arbeitsweise der Käthe Kollwitz aufgenommen. Ihr Umgang mit den sogenannten Nichtfarben lotet in Grafiken, Gemälden, Fotografien und Installationen jedoch sämtliche dazwischenliegenden Grautöne aus: Diese changieren mitunter ins Eis- oder Meer-Blaugrüne, wie in den Collagen von Maja Rohwetter, die sie „Gemischte Gefühle“ nennt. Die Porträts der 80-jährigen Objektkünstlerin Silvia Klara Breitwieser gleichen in Lehm gebackenen Reliefs, die wie aus fernen Zeiten und Kulturen auftauchen. Und etliche Experimente gestatten sich rötliche geometrische Umrisse wie in den konstruktivistischen Formspielen der Grafikerin Ines Doleschal.

Friederike Klotz stellte drei „Spiegelkästen“ auf. Durch winzige Gucklöcher sieht man, wie Zeichnungen dreidimensional werden, sich so eine zauberische, befremdliche Welt auftut, durch die man mit Muße und Neugier hindurchgehen könnte. Überhaupt kitzelt diese von Anna Havemann kuratierte Ausstellung unsere Vorstellungskraft. Außer einem pop-artigen Affengesicht auf einer Filzcollage von Viola Schill, die den lustigen Titel „Als der Affe sprechen lernte“ trägt, sind inhaltliche Aussagen, Botschaften, Gleichnisse erst nach intensivem Betrachten und mit viel Fantasie zu entschlüsseln.

Heike Ruschmeyers geheimnisvolle Ölfarbzeichnungen von einem immergleichen, alten, gespenstisch entseelten Fachwerkhaus verbreiten die Stimmung eines vagen Aufleuchtens der Erinnerung. Und Nadja Siegls fotografische Chiffren von Pflanzenformen mutieren gleichsam zu japanischen Schriftzeichen.

Hannah Dougherty rückt in ihrer von der Decke hängenden Installation abermals Tiere in den Mittelpunkt. Diesmal sind es schwarz auf weiß gezeichnete Wesen aus der Urzeit: Zwei reliefhafte Saurier, die im Erdmittelalter von der Oberen Trias vor rund 235 Millionen Jahren bis zur Kreide-Paläogen-Grenze vor etwa 66 Millionen Jahren lebten. Doughertys Stil lässt an die Holzschnitte der Dürer-Zeit denken; sie zeichnete auf Papier und Sperrholzformen, errichtete den ausgestorbenen Festland-Wirbeltieren einen Altar, von dem schwarze Papierpflanzen-Girlanden herabhängen. Die aus den USA stammende Wahlberlinerin integriert in ihre Kunst auch hier wieder Elemente der Schöpfung.

Mit Jurassic-Park-Nervenkitzel oder einer märchenhaften Vorstellung vom Garten Eden indes hat das nichts zu tun. Eher geht es um Verletzlichkeit, um Melancholie, ja sogar um Trauer über irdische Endlichkeit. Nicht zuletzt um den Umgang der modernen Gesellschaft mit der Natur und der menschengemachten Klimakatastrophe. Denn heute gibt es das größte Artensterben seit der Dinosaurierzeit. Eine Million Arten könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Nach Angaben des Naturschutzbundes verschwinden pro Tag 150 Arten für immer vom Planeten Erde.

Maja Rohwetter: „Gemischte Gefühle #9“, Collage, Tusche, C-Print
Credit: Maja Rohwetter/VG Bildkunst Bonn 2020

Nicht verschwunden indes ist seit dem Jahr 1867 der damals gegründete Verein Berliner Künstlerinnen. Dessen Zeichen- und Malschule ermöglichte einst Käthe Kollwitz eine Ausbildung, denn der Zugang zu staatlichen Kunstakademien war Frauen bis 1919 strikt verwehrt. Doch obwohl der Verein zu den ältesten Kulturinstitutionen Berlins gehört, hat er keinen festen Ausstellungsort. Dieses solidarische Podium bietet, ganz im Sinne seiner Namenspatronin, das Käthe-Kollwitz-Museum.

„8 aus 54 Schwarz+Weiß“ – Der Verein Berliner Künstlerinnen im Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24, Verkaufsschau. Bis 25. Oktober, tgl. 11-16 Uhr, (Abstandsregeln/Mund-Nasen-Schutz), Online-Informationen