Wie der Berliner Schlüssel den Philosophen Bruno Latour inspirierte

Mit seinen Büchern „Das Parlament der Dinge“ und „Wir sind nie modern gewesen“ schrieb er soziologische Klassiker. Nun ist Bruno Latour mit 75 Jahren gestorben.

Bruno Latour (1947–2022)
Bruno Latour (1947–2022)AFP

Wie die Dinge die Menschen beeinflussen und auf ihre Beziehungen zurückwirken, hat kaum jemand derart intensiv durchdrungen wie der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour. Das Schlüsselerlebnis zu seiner Theorie hatte er in Berlin, gewissermaßen im Handumdrehen. Mochte man seinen Essay über den Berliner Schlüssel anfangs als originellen Einfall zu einem kuriosen Alltagsgegenstand lesen, so wurde später immer deutlicher, dass der kleine Text der Startschuss für ein grandioses Projekt der Sozialforschung war, das die Grenzen zwischen Idee, Text und Empirie auf eindrucksvolle Weise ganz neu vermaß.

Der Schlüssel – ältere Berliner wissen es – bestimmte das Verhalten der Menschen und bläute ihnen unmissverständlich den Unterschied zwischen Tag und Nacht ein. Während die großen Mietshäuser tagsüber offen zugänglich waren, wurde jeder Bewohner abends indirekt zum Hausmeister. Nach dem Aufschließen erhielt man den Schlüssel mit zwei identischen Bärten an den Enden erst zurück, indem man ihn durch das Schloss durchschob und die Tür nach dem Eintritt ins Haus wieder verschloss.

Für Bruno Latour war dieser Vorgang ein Beispiel für die disziplinierende Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand, mehr jedoch verwies er auf den Bedarf an Kommunikation, um die Funktionsweise des Schlüssels überhaupt zu verstehen. Aus der Notwendigkeit einer Gebrauchsanweisung weitete Latour die für Technik- und Wissenschaftstheorie bedeutsame Akteur-Netzwerk-Theorie auch auf die Soziologie aus. Die Kernidee dieses von Latour stets sehr assoziativ vorangetriebenen Denkens besteht darin, dass die Beziehung der Gesellschaft zur Welt netzwerkartig verfasst ist und sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt.

Plädoyer für eine politische Ökologie

Was als kritische Wissenschaftssoziologie begann, radikalisierte Latour 1999 in „Das Parlament der Dinge“ zu einer politischen Ökologie, die darauf bestand, dass Menschen, Tiere und Dinge als gemeinsam Handelnde zu verstehen seien. Zur Verhinderung der Klimakatstrophe bedarf es einer ständigen Kommunikation der Akteure des ökologischen Haushalts. Es ging Latour um nicht weniger als eine Entmischung von Natur und Kultur, Subjekt und Objekt sowie Gesellschaft und Wissenschaft. In seinem Klassiker „Wir sind nie modern gewesen“ hat er die strikte Trennung zwischen Natur und Gesellschaft eingehend untersucht, um daraus eine neue Anthropologie hervorgehen zu lassen.

Das Faszinierende seiner Schriften besteht in der permanenten Herausforderung, die eigenen Gewissheiten, wenn nicht über Bord zu werfen, so doch zumindest infrage zu stellen. Selbst der einfachen Formel von der sozialen Konstruktion der Dinge und Verhältnisse, die heute etwa auf unerbittliche Weise auf die Definition dessen einwirkt, was Geschlecht ist und sein sollte, ist Latour mit Skepsis begegnet. Sehr früh bemerkte er, dass das Argument von der sozialen Konstruktion etwa von radikalen Klimaleugnern gebraucht werde, um eine notwendige politische Ökologie zu verhindern.

Bruno Latours assoziativem Feuerwerk ist wiederholt der Vorwurf gemacht worden, schwer verständlich zu sein. Dass sein Schreiben und Denken auch literarisch attraktiv ist, beweist er in seinem Essay „Wo bin ich?“ anlässlich der Corona-Pandemie. Dieser kurze Text ist nun eine Art heiteres Vermächtnis, in dem er die Pandemie einerseits als Indiz einer viel umfassenderen Daseinskrise deutete. In der Stillstellung der körperlichen Bewegung durch den Lockdown erblickte er aber auch die Chance auf Verwandlung. Mit einer inspirierenden Neuinterpretation von Kafkas gleichnamiger Erzählung führte Latour vor, dass wir uns Gregor Samsa als glücklichen Menschen vorstellen dürfen, der dabei ist, die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Natur zu vollziehen. Am Sonntag ist Bruno Latour, einer der großen Philosophen der alten französischen Garde, im Alter von 75 Jahren in Paris gestorben.