Berlin - Iris Hanikas Romantitel „Wie der Müll geordnet wird“ spielt auf den sozialistischen Klassiker „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski an. Aber wo dieser noch die Frage stellt, wie man ein sinnvolles Leben führen kann, haben sich die Protagonisten in Hanikas Kreuzberger Kosmos im heillosen Durcheinander einer existenziellen Sinnlosigkeit eingerichtet. Der Roman spielt im kapitalistischen Heute und an der Bruchstelle der Zeiten und Systeme – in Berlin unmittelbar nach dem Mauerfall. Ein Auszug aus dem Kapitel „Vergangenheit“.

Am 10. März 1990, einem Samstag, kam Dorothea Dreifinger mit einem Flug der Swiss Air aus Zürich auf dem Berliner Flughafen Tegel an. Sie kam, um zu bleiben. Eine Woche zuvor war sie von San Francisco nach Zürich geflogen und weiter nach Konstanz gefahren, um sich bei ihren Eltern wieder an Deutschland zu gewöhnen, das sie fünf Jahre zuvor verlassen hatte, um an der Universität von Kalifornien in Berkeley German Studies zu unterrichten und dabei zugleich ihre Doktorarbeit über den Barockdramatiker Johann Christian Hallmann fertigzustellen.

Zwar war sie an der amerikanischen Westküste nicht nur geographisch weitestmöglich von den für ihr Gebiet, den schlesischen Literaturbarock, wichtigen Bibliotheken in Breslau und Wolfenbüttel entfernt, doch hatten sie persönliche Gründe (pompös scheiternde Liebesbeziehung) so sehr vom Arbeiten abgehalten, daß sie fürchtete, ihre Dissertation nicht beenden zu können, solange diese Gründe greifbar und nahe waren. So sehr hatte sie diese Entfernung gebraucht, daß sie in den vergangenen Jahren nur ein einziges Mal (...) nach Deutschland zurückgekommen war. Ihre Eltern hatte das nicht bekümmert, die hatten das sogar begrüßt, denn sie waren gerne nach Kalifornien gereist, um ihre Tochter zu besuchen.

In Berlin schien die Sonne, und es war warm. Im April würde es noch einmal abkühlen, aber pünktlich zum ersten Mai würden die Temperaturen den August schon ankündigen. Danach würden die Eisheiligen den üblichen kleinen Kälteeinbruch bescheren, um so begieriger würde der mitteleuropäische Sommer begrüßt werden, der in diesem Jahr des Herrn 1990 ein brüllend heißer sein wird.

Aber der war an diesem Samstag im März noch fern, und hier draußen, am nördlichen Rand der Stadt, war auch von dem Weltensturz, der sich wenige Monate zuvor in ihrer Mitte ereignet hatte, nichts zu bemerken. Friedlich lag das Flugfeld unter dem weiten Himmel aus reinem Preußischblau, und fröhlich schleppten und rollten die Leute ihre Koffer und Taschen in das kleine kreisförmige Flughafengebäude hinein oder aus ihm heraus, die einen freuten sich auf die Reise, die anderen über die Ankunft, nur Dorothea machte eine Ausnahme.

Sie stand am Taxistand des Tegeler Flughafens und hätte kotzen können. Gestern war sie noch bei Kaffee-Kuchen-Konjack bei ihren Eltern im Wintergarten gesessen und hatte sich auf den aktuellen Stand der Fährnisse sämtlicher Familienangehöriger bringen lassen, heute sah sie nichts als übelgelaunte deutsche Taxifahrervisagen. Keine erschien ihr vertrauenswürdig, und sie wollte lieber den Bus nehmen. Aber der Busfahrer schloß gerade die Türen, als sie, unter der Last ihrer Taschen schwankend, dazu noch einen riesigen Koffer ziehend, angekraucht kam, und machte sie nicht wieder auf. Die vorbeifahrenden Gesichter glotzten sie an, als wäre sie blöde. So nahm sie doch ein Taxi, sah beim Einsteigen ostentativ am Chauffeur vorbei, quetschte sich in die rechte hintere Ecke, sagte „Handjerystraße 30“, glotzte zum Fenster hinaus und hätte sich weiterhin gerne übergeben.

Sie war entsetzt von den solide gebauten Straßen und den putzigen Autobahnbrücken, die sich manierlich auf ihren Stelzchen räkelten. Es erschien ihr alles winzig, und dabei war auch alles so sauber wie auf einem Modelleisenbahngelände. Die alten Häuser grobe Klötze, einer am anderen, aber immer bloß vier Stockwerke hoch, die neueren Häuser hatten Fassaden wie leergefressene Pralinenkartons, in denen steckten die Leute dicht an dicht. Natürlich war Berlin gerade das Epizentrum weltgeschichtlicher Ereignisse und im Vergleich mit Konstanz sicher sowieso ungemein lebendig, aber gegen San Francisco, Los Angeles, New York? Gegen das andere Ende der Welt? (Denn am anderen Ende der Welt, da war das Ende der Welt fern, da bebte die Erde, doch als die Nachricht im Fernsehen kam, hatte man schon wieder festen Boden unter den Füßen; eine Woche später trug jedermann das T-Shirt zum geologischen Ereignis. Hier hingegen – an diesem Ende der Welt war kein Halten.)

Wir sind jetzt in Berlin gelandet.

Dorothea schreibt einen Brief

Berlin, den 12. März 1990

Liebe Evelyn,

in diesem schlammig schäumenden Pfuhl irdischer Begierden, diesem von vernünftigen Vorschlägen irr gewordenen Kolumbusei der Macht bin ich nun gelandet. Berlin ist keine wilhelminische Matrone mehr und kein Charlestonmädel, keine deutsche Mutter und keine abgetakelte Lebedame, Berlin ist verkommen zu einer spießigen Hausfrau mit mondänen Ambitionen, ist eine veraltete Einbauküche, die auf Science-Fiction-Interieur aspiriert. Vorgestern bin ich angekommen, und heute könnte ich ohne Bedauern schon wieder wegfahren.

Berlin, Berlin, warum mußte es ausgerechnet Berlin sein? ACH! Ich könnte KOTZEN die ganze Zeit! Wie gut, daß Barockliteratur mein Gebiet ist, das spornt mich wenigstens zu wüsten Bildern an – sonst würde ich immer nur kotzen und wirklich wieder wegfahren. Aber so betrachte ich die Sache qua teilnehmender Beobachtung quasi wissenschaftlich und versuche krampfhaft, dem hier etwas abzugewinnen. Ich bin ja mittendrin im großen Welttheater. Dieses Volk ist rasend wie ein losgelassener Kettenhund und hat seine Zähne wieder einmal in diese Stadt hineingekrampft.

Anyway, ich will Dir alles von Anfang an erzählen, sonst kannst Du Dir das überhaupt nicht vorstellen, dieses Schlacht-, Irren- und Hexenhaus, Du Dreimalglückliche in der schönsten Stadt am anderen Ende der Welt. Sei jedenfalls froh, daß Du Ben geheiratet hast, statt ihn zu verlassen, wie ich es mit Josh gemacht habe, ihn verlassen, meine ich, statt ihn vor den Altar zu zerren und die Eintrittskarte in die neue, die schöne Welt zu lösen. Bis zum großen Erdbeben wäre das schon gutgegangen, und lieber stürbe ich, wenn die Erde bebt, statt so wie hier, wenn der Krieg vorausbebt. Nein, ich will nicht den Teufel an die Wand malen.

Also. Jetzt ist Montagabend, seit Samstagnachmittag bin ich hier, und es ist schon so viel passiert, oder vielleicht auch gar nichts. Markus wohnt jetzt auch in Berlin! Seine Eltern haben es mir erzählt, als ich bei den meinen weilte; ich hab’ ihn aber noch nicht angerufen.

Am Samstag bin ich angekommen um zwei Uhr nachmittags, da hätte ich sofort mit dem Kotzen anfangen können, nein: sollen! Kotzen hätt’ ich sollen, aber geheult hab’ ich. Da will ich gerade in den Bus vom Flughafen in die Stadt steigen, und da macht mir doch der Busfahrer die Tür direkt vor der Nase zu! Kein kalifornischer Busfahrer ever käme auch nur auf die Idee, so etwas zu tun! Und der Taxifahrer war vom selben Typus. Zum Glück hatte ich meinen Walkman in der Tasche, wegen dem Flug, dem Start in Zürich hatte ich ihn im Handgepäck, habe ihn mir auf die Ohren geknallt und mir die „Dead Kennedys“ angehört.

FUCK! Fuck. Fuck.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie Hanikas Characktere die Ausgelassenheit entlang der gefallenen Mauer wahrnehmen.