Blick in den Zuschauerraum der Komischen Oper
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BerlinVor genau vier Wochen fand am Vormittag die Jahres-Pressekonferenz der Deutschen Oper Berlin statt, um das Programm der nächsten Spielzeit vorzustellen. Der Geschäftsführende Direktor Thomas Fehrle merkte an, dass der Vorverkauf gerade wegen Corona um etwa 40 Prozent zurückgegangen sei – aber das war der einzige Krisenhinweis. Am Abend dieses 10. März wurde dann vom Senat bestimmt, dass bis einschließlich 19. April keine Opern- und Konzertaufführungen mehr stattfinden dürfen. 

Weitere Verschärfungen führten dazu, dass auch in den Werkstätten der Opernstiftung nur noch unter besonderen Auflagen gearbeitet werden darf. Seitdem liegen die größten und teuersten Kultur-Tanker der Stadt – schon der kleinste, die Komische Oper, zählt 450 Mitarbeiter – vor Anker, und mittlerweile rechnet keiner der drei Intendanten mehr damit, dass die Arbeit ab dem 20. April wieder beginnen kann. 

Vier Premieren unterschiedlich fertiger Produktionen sind bereits ausgefallen, „Idomeneo“ und „Così fan tutte“ an der Staatsoper Unter den Linden, „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ an der Komischen und der „Antikrist“ an der Deutschen Oper; dieses Haus hat auch bereits die für Anfang Mai vorgesehene „Pique Dame“ abgesagt.

Konzertante Aufführungen als Alternative

Der Intendant der Staatsoper, Matthias Schulz, erklärte vor zwei Wochen, dass die Arbeiten an den Dekorationen für die „Chowantschtschina“-Premiere am 9. Juni jetzt beginnen müssten – falls es damit nicht klappt, erwägt Schulz konzertante Aufführungen, allerdings nicht sechsmal, wie im Spielplan vorgesehen; aber selbst das hängt davon ab, ob der Chor rechtzeitig zum Proben versammelt werden darf.

Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden
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Ebenso muss der Intendant der Komischen Oper, Barrie Kosky, die für Mai vorgesehene und in den Dekorationen fertiggestellte „Jephtha“ vorerst absagen und auf eine der nächsten Spielzeiten verschieben, wenn der 20. April als möglicher Arbeits- und Öffnungstermin platzt. Die Proben für das „Rheingold“ und damit den Auftakt des neuen „Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper sollten im Mai beginnen. Aber ausgerechnet hier bleibt Schwarz relativ entspannt: Die erste Gesamtaufführung des „Ring“ war für November 2021 geplant, und bis dahin sei Zeit – falls es nötig wird, gebe es verschiedene Möglichkeiten, mit dem „Ring“ einzusteigen.

Die Intendanten haben mal mehr, mal weniger zu tun. Dietmar Schwarz, der aufgrund seines an Corona erkrankten Chorchefs zusammen mit dem gesamten Leitungsteam bereits die Quarantäne hinter sich hat, telefoniert den ganzen Tag und steht wie sein Kollege Matthias Schulz unter enormem Organisationsdruck – zudem führt die indirekte Kommunikation via Home Office zu Reibungsverlusten. Lediglich Barrie Kosky, der als hauptberuflicher Regisseur viele Leitungsaufgaben delegiert hat, kommt zum Luftholen; ihm ist in Glyndebourne eine Produktion abgesagt worden, und so lernt er, der sich früher nie an ein Haus binden wollte, die Vorteile einer festen Anstellung zu schätzen, die seine Kollegen in der Regel nicht genießen.

Plan A, Plan B, Plan C oder Plan D

Wie es weitergeht, weiß niemand. Dass die Oper in Darmstadt auf keinen Fall vor dem 30. Mai eröffnet, hat für Irritationen gesorgt – hier handelte es sich um eine Anweisung der Stadtverwaltung. Kosky spricht von Plan A – es geht am 20. April los, ob dann die ausgefallene Premiere von „Schwanda, dem Dudelsackpfeifer“ stattfinden kann, ist jedoch unklar –, von Plan B – verschiedene andere Öffnungstermine –, Plan C – der Rest der Spielzeit fällt aus – und Plan D – der Rest des Jahres fällt aus. Je nachdem muss dann jedoch die Planung der kommenden Spielzeiten angepasst werden. Dabei hat es die Komische Oper leicht, weil sie den überwiegenden Teil der Rollen aus dem Ensemble besetzt.

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper
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Deutsche und Staatsoper setzen viel stärker auf Gaststars, deren Terminkalender auf Jahre gefüllt sind. Dietmar Schwarz spricht von einer im Betrieb selten verlangten Notwendigkeit zur Flexibilität: Die für den 23. April vorgesehene 40 Jahre alte Inszenierung von „Lucia di Lammermoor“ würde man in drei Tagen auf die Bühne bekommen – wenn es denn erlaubt ist. Das Nachholen der Premieren ist komplizierter: In der Regel warten die Intendanten bei selten gespielten Werken ab, wie die Premieren laufen und setzen sie in der folgenden Spielzeit nicht gleich wieder aufs Programm. Lediglich der „Idomeneo“ der Staatsoper ist da unkompliziert und ist für das nächste Jahr angesetzt: Mozart geht immer, und es fehlte lediglich noch eine Probe vor der Premiere. Was die Rarität „Antikrist“ des dänischen Modernisten Rued Langgard angeht, kann es sein, dass sich das Publikum möglicherweise noch etwas gedulden muss.

Barrie Kosky sendet Videoclips

Indes sind Spielplan-Planspiele nicht die einzige Anforderung. Die Unsicherheit der Mitarbeiter bedarf ebenfalls guten Zuredens. Kosky kümmert sich um seine Mitarbeiter, indem er sich mit mal informativen, mal unterhaltenden Videoclips aus seiner Wohnung an sie wendet, Schulz nutzt soziale Medien, Schwarz hauptsächlich das Telefon. Denn auch hier herrscht Angst vor Kurzarbeit, von den existenziell bedrohten freien Künstlern ganz zu schweigen. Alle Häuser bemühen sich trotz „höherer Gewalt“ um kulante Regelungen, kleine Ausfallhonorare, die soziale Härtefälle abfedern.

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper
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Auch wenn man gerne mehr für freie Künstler und Aushilfen in allen Gewerken täte, müssen die Opernhäuser ihre Ausgaben öffentlich rechtfertigen: Sie dürfen kein Geld zahlen für Leistungen, die nun einmal nicht erbracht wurden – davon abgesehen, dass die wirtschaftliche Lage  ernst genug ist. 5,2 Millionen Verlust schon jetzt Wenn die Opernhäuser tatsächlich in zwei Wochen wieder öffnen würden, beliefen sich die Einnahmeverluste der Staatsoper auf  2,5 Millionen, die der Deutschen Oper auf 1,7 Millionen Euro, die der Komischen bleiben knapp unter 1 Million Euro, zusammen sind das etwa 5,2 Millionen Euro. Man kann sich ausrechnen, was jede weitere Woche kostet.

Der sehr gute Kartenvorverkauf für die Spielzeit 20/21 zeigt an, wie die Oper den Menschen fehlt – aber Karten für Ende April und Mai verkaufen sich schleppend: Man kann sich nicht so recht vorstellen, dass das tendenziell zur Corona-Risikogruppe der Älteren gehörende Opernpublikum ohne Zögern wieder in die enge Bestuhlung einrückt. Auch wenn die Opern geschlossen sind und nur mit Streaming-Angeboten an ihren gesellschaftlichen Auftrag erinnern können, leisten ihre Werkstätten dennoch einen Beitrag: In den Schneidereien werden  Stoffmasken hergestellt.