Der russische Pianist Denis Mazujew saß alleine in der Tschaikowski-Halle in Moskau, als sein Konzert übertragen wurde.
Foto: AP/Pavel Golovkin

Die Auf-Eis-Legung der Gesellschaft dauert noch keine zwei Wochen an; und schon macht sich unter Kulturkonsumenten Verwirrung und Erschöpfung breit: Analog zur Infiziertenzahl steigt auch die Menge der spontan ins Leben gerufenen Online-Angebote exponentiell an.

Nachdem man sich durch zahllose Konzertstreams aus leeren Räumen und durch Popstar-Insta-Chats aus Popstar-Domizilen (schon interessante Einblicke in privates Innendesign namhafter Musiker erhalten, mehr dazu weiter unten) geklickt hat, weiß man am Ende des Tages gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht, ob man nicht viel Wichtigeres anderswo verpasst hat und ob man nicht lieber gleich komplett dem Internet fernbleiben sollte.

Es droht der digitale Kollaps

Oder eben doch stoisch weiterklicken und -konsumieren, so wie es zum Beispiel der Popkünstler Elrichman, ein merkwürdiger Mann aus Toronto, in seinem kürzlich auf Bandcamp erschienen Lied „I mostly consume“ vormacht: einer leicht schwindelverursachenden, in ihrer Eigenheit dabei auch sehr hermetisch wirkenden Mischung aus den Smiths und anstrengenden Fusion-Jazz-Akkordfolgen, die also unser aller aktuelle Überlastung und Fragilität ganz gut widerspiegeln.

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Nachdem sich also über die letzten zwei Jahrzehnte durch Ausbreitung sozialer Medien und gigantischer Onlinearchive die popkulturelle Überforderung zugespitzt hat, erreicht sie nun dank coronabedingter Massenisolation ein gefährliches Explosionspotenzial; der Kollaps droht! Weitreichende Ansteckung mit digitaler Überforderung wird sich nicht mehr vermeiden lassen, man sollte sie allerdings unbedingt entschleunigen, und dazu wollen wir auch in dieser Zeitung unseren Beitrag leisten, nämlich indem wir die Ozeane an neuerdings heimgemachter Stream-Popkultur nach einigen Perlen durchsuchen.

Lo-Fi-Ambiente oder Großkonzerte vor leeren Rängen

Wer etwa seinen Corona-Soundtrack atmosphärisch verhangen und, den eigenen Gedanken gleich, zunehmend verdreht mag, könnte sich etwa den vergangene Woche veranstalteten Stream des Berliner Experimentalmusikclubs ausland ansehen (und -hören); hier erklingen unter den erfahrenen Laptop-Schrauberhänden von Jan St. Werner – seinerseits eine Hälfte des allseits beliebten Frickel-Elektro-Pop-Duos Mouse on Mars – und Peter Rehberg alias Pita schöne Rausch- und Fiep-Collagen, noch dazu in angenehm verwackelter und improvisierter Aufnahmequalität, die die aufgezwungene DIY-Ästhetik dieser Tage ganz passend reflektiert.

Ähnliches lässt sich über die allabendlich stattfindenden Konzerte des Berliner Musikers Tobias Vethake und seiner Mitstreiterin sagen, die diese unter Vethakes langjährigem Pseudonym Sicker Man aus einem Privatraum über Facebook in den Äther senden; besonders schön eine Coverversion des Nirvana-Stücks „Something in the way“, das sich zum Glück überhaupt nicht wie Nirvana anhört, sondern in angenehm wabernden Dystopie-Dub abwandert.

Allgemein erscheint das improvisierte Lo-Fi-Ambiente solcher Aufzeichnungen das Einbunkerungsgefühl dieser Zeit besser, da intimer abzubilden; die hochaufgelösten, mit vielen Profi-Kameras aufgezeichneten Großkonzerte ohne Publikumsreaktion wirken da eher distanziert. Aber natürlich auch ganz lustig, wenn sich vorstellt, dass eine berühmte Band, die man nicht ausstehen kann, vor drei desinteressierten Leuten und einem Hund im Hinterzimmer einer Eckkneipe auftreten würde – und keiner applaudiert!

Produzent Geoff Barrow improvisiert Songs ins Handy

Aber auch nicht konzertantes Pop-Entertainment gibt es reihenweise; so chattete die Meisterin des hyperaktiven Trash-Pop Charli XCX auf Instagram mit der Queer-Ikone und Achtziger-Stylistin Héloïse Adelaïde Letissier alias Christine and the Queens über das Isolationsdasein, ihre Sorgen ums Musikbusiness und über gute Croissants, während auf Twitter der Bristoler Produzent Geoff Barrow – bekannt von Portishead und der Gruppe Beak – unter dem Titel „Bored Bond Songs“ Bond-Titelsongs ins Handy improvisiert.

Herzerwärmend ist die Deathmetal-Version von „Live and let die“, gut auch die Antwort von Sleaford-Mods-Sänger Jason Williamson, der in seiner großen Designerküche die berühmte Pistolenschuss-Sequenz vom Anfang jedes Bondfilms nachspielt – besonders, da anhand dieser Küche zu sehen ist, dass Williamson anhand seines Erfolges beim Besingen der britischen Unterklasse ebendiese hat hinter sich lassen können.