Die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff
Foto: Ullstein

BerlinDie Autorin ist eine frühere Kollegin von uns. Susanne Kerckhoff war von Juli 1948 an Feuilletonchefin der Berliner Zeitung. Im März 1950 nahm sie sich das Leben. Ihr Buch, das jetzt im Verlag Das kulturelle Gedächtnis erschienen ist, kann also nur wie eine ferne Botschaft gelesen werden, wenn überhaupt. Es ist allerdings erstaunlich, wie viel es einer Leserin, einem Leser heute sagen kann.

Die „Berliner Briefe“ von Susanne Kerckhoff sind getragen von der Stimmung einer Umbruchszeit. In ihrer Vorbemerkung, datiert auf Dezember 1947, beschreibt die Autorin ihre Position als „noch um die endgültige Erkenntnis“ ringend. An einen noch in der Emigration befindlichen jüdischen Freund gewandt, handeln die Briefe einer fiktiven Helene vom Leben in der Trümmerstadt. Manchmal versucht sie ihn zurückzulocken, will ihm zeigen, wie in den Besatzungszonen Berlins Demokratie einzieht, wie Kultur an Bedeutung gewinnt. „Jeder Emigrant, der nach Hause kommt, rückt allein durch sein Wiederdasein eine Schiefheit zurecht.“ Schon dieses Beispiel zeigt: Es sind unverbrauchte Worte, die sie benutzt.

Die Schreiberin gibt Auskunft über sich, als würde sie ihrem Gegenüber Rechenschaft ablegen: „Autonom und politisch bewusst bis in die letzte Winkelkonsequenz habe ich nicht gelebt. Dann würde ich wohl heute kaum mehr leben.“ Sie ist voller Sorge über „den deutschen Nazi“, der nicht verschwunden sei. Ironisch schreibt sie in diesem Zusammenhang vom gesunden Teil der Bevölkerung, „gesund, das heißt skrupellos genug, jeden Vorteil für sich auszunutzen“. Solche Zeilen lassen an die Gegenwart denken, etwa an Leute, die über eine „Merkel-Diktatur“ schimpfen und behaupten, man dürfe seine Meinung nicht mehr sagen, aber ungehindert für ihre Ziele auf die Straße gehen und vor Kameras sprechen. Der Berliner AfD-Politiker Georg Pazderski nennt seine Partei „das größte Demokratieprojekt der letzten Jahre“. Kerckhoff schreibt, für ihre Zeit: „Sie lassen sich von der Demokratie schützen, werden in ihrem Schutze wie vordem korpulent und kräftig – um die Demokratie zu stürzen.“

Kerckhoffs Sorgen von 1947 haben sich so nicht bewahrheitet, auch wenn damals im Westen Deutschlands viel zu großzügig über Verstrickungen ins Machtsystem der NSDAP hinweggesehen wurde. Und die im Osten zwei Jahre später begründete „Diktatur der Arbeiter und Bauern“ war zwar nicht nationalistisch, aber den Widerstreit von Auffassungen hatte die DDR nur in sehr engem Rahmen vorgesehen.

Der Briefroman ist deutlich autobiografisch grundiert. Eine wesentliche Phase ihres Lebens hatte die 1918 in Berlin geborene Susanne Kerckhoff im Nationalsozialismus verbracht. Vier Jahre nach der, wie sie schreibt, „Machterschleichung“ der Nazis legte sie ihr Abitur ab. Und sie notiert als Helene in den „Berliner Briefen“ unter dem Eindruck der Wiederbegegnung mit früheren Schulkameradinnen: „Schön ist die Jugend in frohen Zeiten. Diese Jugend aber, die sich vom Sog der Macht die innere Schönheit gleichmütig rauben ließ, war deutsch – nicht schön.“

Kerckhoff veröffentlichte seit 1940 drei Unterhaltungsromane. Ihre Gedichte wurden von Erich Kästner gelobt, der selbst in Deutschland geblieben war. Seine Klarheit in der Poesie war ihr offensichtlich Vorbild. Und vielleicht gelten die Gedanken über das Exil im dritten Brief auch ihm, wenn sie schreibt, dass die einen wussten, im Ausland gut aufgenommen zu werden, andere aber ihre Familien nicht verlassen konnten oder Armut in der Fremde fürchteten. Nach Kriegsende trat Kerckhoff in die SPD ein, ging aber 1947 aus dem Berliner Westen in die Sowjetische Besatzungszone. In dieser Phase also entstand das vorliegende Buch. „Warum ich nicht in die SED eintreten kann, anderseits auf gar keinen Fall in eine Partei, die gegen die SED ist?“, heißt es im siebenten Brief. Einige Seiten später wird dieselbe Partei angegriffen, sich weniger um das Wohl der Bevölkerung zu kümmern, als darum, „ihre Ideologie durchzusetzen“.

Dennoch entschied Susanne Kerckhoff sich für die SED, vielleicht wie so viele nach ihr im Glauben, von innen etwas bewirken zu können. Sie hat dafür bezahlen müssen. Nach ihrem Umzug in den Ostteil wurden bei der Scheidung ihre drei Kinder ihrem Ex-Mann, einem SPD-Mitglied, zugesprochen.

„Sie war die stärkste und die reinste unter den jungen Dichterinnen der deutschen Nachkriegszeit“, schrieb ihr Berliner-Zeitungs-Kollege Heinz Lüdecke im Gedenkbuch „Zeit, die uns bleibt“. Sie hatte seit 1946 einen Gedichtband, eine Erzählung und einen Roman veröffentlicht. Ihr Tod wurde auch im Hamburger Magazin Spiegel gemeldet: „Susanne Kerckhoff, literarische Hoffnung des Kommunismus und Kulturressort-Chefin der östlich orientierten ,Berliner Zeitung‘, beging Selbstmord. Die sowjetamtliche ,Tägliche Rundschau‘ kommentierte, die junge Schriftstellerin habe offenbar die Nerven verloren. Zuvor war ihre ,schwankende ideologische Haltung‘ mehrfach in Rundschreiben der SED gerügt worden.“

In den Schriftstellerlexika der DDR fehlt ihr Name. In den 90er-Jahren stieß Ines Geipel bei ihrer Beschäftigung mit unterdrückten Autorinnen auf sie und nahm Kerckhoff in den Band „Die Welt ist eine Schachtel“ auf. Und 2003 stellte die Literaturwissenschaftlerin Monica Melchert Lyrik und Prosa unter dem Titel „Vor Liebe brennen“ zusammen. Im Nachwort der „Berliner Briefe“ scheibt Peter Graf deshalb etwas kühn: „Susanne Kerckhoff ist keine vergessene Autorin.“

Sie ist eine, deren Entwicklung gleich zweimal behindert worden ist. In ihren Anfängen duckte sie sich mit harmlosen Büchern unter der Zensur hinweg. Als sie ihren Platz gefunden glaubte, litt sie unter der Trennung von ihren Kindern und den Maßregelungen von Leuten, die ihre Wahrheit durchsetzen wollten. Sie wurde „Opfer eines von Männern dominierten politischen Ränkespiels“, so Peter Graf, hohe SED-Funktionäre waren daran beteiligt.

Susanne Kerckhoff: Berliner Briefe, Verlag: Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020. 112 S., 20 Euro.