Perfume Genius.
Foto:  imago/ZUMA Press

BerlinDer Körper, natürlich der Körper. „Your body changes everything“, singt Mike Hadreas im gleichnamigen Stück auf der Hälfte seines soeben erschienenen fünften Albums “Set My Heart On Fire Immediately“. Er chronologisiert darin einen Liebesakt, und er tut dies nicht als Mike Hadreas, sondern als Perfume Genius, ein Aliasname, der zugleich ein gestalterisches Programm artikuliert. Es geht um die Transformation einer sexuellen Erfahrung, und die plötzlich in alle möglichen Richtungen explodierenden Synapsen werden dabei von Klangdetails repräsentiert, die den Raum zwar anfüllen, aber dennoch viel Platz lassen, als hielten sie sich an die entsprechenden Social-Distancing-Vorschriften, ohne dabei aber ein Gefühl von Isolation und Trennung zu vermitteln. Vielmehr hört man ein Werden, ein chaostheoretisch zu beschreibendes Zusammenfügen neuer Substanz.

Dabei handelt es sich um eines von zahlreichen Beispielen dafür, dass dieses großartige Album neben Hadreas’ Talent für zurückhaltende Intensität beim Ausdruck queer-körperlicher Existenzfindung maßgeblich von der Produktion im Studio getragen wird. Für diese zeichnet einmal mehr Blake Mills verantwortlich und durch diese wird mittels klassisch scheppernder Americana-Gitarren, subtiler Perkussion, aber auch allerlei elektronischer Verfremdung übersetzt, was für Hadreas im Laufe seiner Reise von frühen Piano-Balladen zum detailverliebten Universalpop konstantes Thema bleibt: die ständige Transformation in Körper und Liebe.

Ob sich Hadreas dabei auf der Suche nach einem nur skizzenhaften Anderen macht wie im Stück „Without You“, ob im mondsüchtigen Kammerstück „Moonbend“ enge Harmonien einen paranoiden Sog beschreiben, ob im Traumlied „Leave“ Hadreas’ Stimme verfremdet die dann effektbeladen und von Harfe auf Geigenarpeggien umarrangierte Morphung vorwegnimmt oder ob er in der Country-Ballade-aus-dem-Weltraum „Whole Life“ über Lebensmitte und Älterwerden meditiert: Die ewige Veränderung ist das immer gleiche Thema – was natürlich auch zum bereits erwähnten Schaffensweg des Künstlers passt. Sein sich doch nicht allzu sehr wandelndes Falsett hat über fünf Alben schon Dutzende von Musikstilen bewohnt.

Anders als bei manchen Künstlern, die auf der Suche nach Veränderung Beliebigkeit walten lassen und ihre immer gleiche Stimme auf den Sound du jour legen, geht es bei Perfume Genius stets um ein integriertes Ganzes, das in sich erstaunlich beweglich ist – wie ein großer, bunter Film.

Trotzdem oder gerade deshalb kommen dabei klassische Pop-Momente heraus: „On the floor“ etwa groovt wie Stevie Wonders „Higher Ground“ und bricht das Spirituelle der Vorlage in sehr konkretes Verlangen herunter.

Ein ganzes Album als transformativer Audioguide für den bewusst fühlenden Menschen unserer Zeit.

Perfume Genius "Set My Heart On Fire Immediatley" (Matador/Beggars/Indigo)