Brittney Denise Parks auf der Bühne
Foto: Votos - Roland Owsnitzki

BerlinDie Geige ist vielleicht das unpoppigste Instrument diesseits des Banjos. Ein herrlicher Klang, keine Frage, aber im Pop wegen des dominanten Charakters und der Frequenz eher schwierig. Brittney Parks alias Sudan Archives gelingt jedoch nicht nur das Kunststück, sie in einem modernen Clubkontext zum Klingen zu bringen. Sie kann mit dem Instrument und ein paar elektronischen Verlängerungen auch einen randvollen Saal wie am Dienstagabend das Friedrichshainer Holzmarkt-Säälchen erfüllen. 

Angetan in einem flirrenden Stilmix aus Voodoo-Zotteln, Gypsybluse, Lederrock und Netzstrümpfen präsentierte sie ihr neues und erstes Album „Athena“ – an einem kleinen Keyboard-Pult, die Geigenfiguren und der Gesang per Looppedal zu Schlaufen und Chorschleiern geformt. Sudan Archives ist auch musikalisch eine prachtvolle Erscheinung, ausladend wölbten sich die Beats, fremdartig zogen die repetitiven Muster hindurch, eindringlich und effektbeladen schwebte die Stimme. Es fällt mir kein Act ein, der sich mit Parks’ Musik, die die 25-Jährige seit einigen Jahren als Sudan Archives produziert, vergleichen ließe.

RnB Akzente

Anders als die bei aller Disconähe stets europäisch inspirierten Violinenkollegen wie Owen Pallett oder Patrick Wolf erschließt Parks ihrem ungefähren R&B ein weites, globales Draußen. Anstatt die Geige einfach popfähig herzurichten, sortiert sie den musikalischen Kontext völlig neu. Zwischen West- und Ostafrika Vor gut zwei Jahren, als sie ihre ersten Schlafzimmerproduktionen veröffentlichte, schien es dabei vor allem um die Öffnung in den afrikanischen Raum zu gehen.

Spät im Konzert und als einen der wenigen Nicht-Albumtitel spielte sie das frühe, großartige „Come Meh Way“, in dem sie mit von klatschend-rasselnder Percussion begleitet die hypnotischen Linien der ein- bis dreisaitigen Geigen anspielt, die aus der rituellen und spirituellen Folklore zwischen den Ost- und Westküsten Afrikas stammen, wo sie aber etwa beim Kameruner Francis Bebey, einem ihrer Vorbilder, auch mit westelektronischem Pop verbandelt wurden.

Mut durch Vorbilder

Sie sei, sagte sie mir vor ein paar Wochen im Interview grinsend, in den Schulorchestern immer das „schwarze Schaf“ gewesen und habe die Reichweite ihres Instruments erst erkannt, als sie auf Youtube afrikanische Frauen mit ihren Geräten gesehen habe: „Es hilft“, sagte sie, „wenn du Leute entdeckst, die so aussehen wie du.“ Das ethnomusikalische Interesse endete jedoch nicht in Afrika: „Ich dachte: „Oh, die spielen überall Geige, es gibt sie in verschiedenen Hautfarben und Ethnien – nicht nur in meinem Schulorchester.“

Und so verwischt sie auf souveräne Weise die Linien zwischen den Einflüssen, „den Funk, mit dem ich in Cincinnati aufgewachsen bin, eine Art Afro-Trip-Hop, Folkmotive von Afrika nach Osteuropa und Orchestrales.“ Der tiefere Zauber ihrer Musik kommt jedoch von einem hypnotischen, beschwörenden Sog, den sie aus den spirituellen Zusammenhängen in ihren Elektrosound überführt. Brittney Parks wurde strenggläubig erzogen, und sie fühle sich noch immer, sagt sie, von entsprechender Musik angezogen, Musik, „in denen die Leute etwas anrufen, das größer ist als sie selbst“.

Bei diesem Etwas, daran lässt sie auf der Bühne in ihrem verwirrend club-schamanistischen Outfit und den geschmeidig schleichenden, gespannten Wiegetänzen keinen Zweifel, handelt es sich um sie selbst. Auf dem Album-Cover gibt sie die „Athena“ nackt als neoklassizistische Bronze. Nur, sagt sie selbstbewusst, „sieht Athene eben nicht wie die griechische Göttin aus – sondern wie ich“. Wie das Album beginnt sie das Konzert mit der Frage „Did You Know?“

Der Track beruht auf einem stur gezupften Einzelton-Ostinato, zu dem sie fast wie im Folk-Acappella zu singen beginnt, bevor ein schleppender, dunkel gepochter, raumtiefer HipHop-Beat dazu kommt, ein paar Keyboardschwaden und Stimmlayers, die vielleicht aus der Konserve kommen, vielleicht per Pedal erzeugt werden. „Als ich ein kleines Mädchen war“, singt sie, „dachte ich, ich würde die Welt beherrschen – hast du gewusst, dass die Welt nicht perfekt ist?“

Der Kampf um Anerkennung

Athene kämpft um Anerkennung Was sie als Kind nicht wusste, war, so der knappe Text des Songs, dass allein die Textur der Haare den entscheidenden Unterschied ausmachen können – ihre Athene kämpft um Anerkennung und Selbstbewusstsein, als Künstlerin, als Frau, als schwarze Frau. In „Glorious“ wird sie durch musikalischen Erfolg zur Ernährerin der Eltern. In dem Stück „Confessions“ erinnert sie sich an die letztlich aufputschende Heimatlosigkeit, nachdem die Eltern sie aus dem Haus geworfen hatten, weil sie statt der Bulettenbrater-Nachtschicht die Clubs nach neuen Soundideen durchstöbert hatte.

Und sie erzählt in „Down On Me“ von einem „bizarrerweise voll afrozentrischen“ Geliebten, der sie wegen der Hautfarbe zurückgewiesen hatte und sich dann, wegen der Musik, doch hingab: „Ich habe ihn in mich verliebt gemacht – und dann gefressen wie eine Gottesanbeterin“, sagt sie. Ihre Gemeinde im Säälchen hatte allerdings nichts zu befürchten. Ganz offenbar gab es niemanden, der sich ihr nicht umstandslos und lauthals unterwarf. Und niemanden, der sich nicht der Größe des Grooves, der trügerisch zärtlichen Stimme und der gebieterischen Macht ihres Bogens ergeben hätte.