Live fällt es nicht auf, wenn sich der Organist verspielt. In der Aufzeichnung schon.
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BerlinUndenkbar, dass man zu Zeiten des Schwarzen Todes die Kirchen geschlossen hätte – gerade eine Plage derart katastrophalen Ausmaßes, als deren „wissenschaftlichste“ Erklärung im Jahre des Herrn 1345 eine ungünstige Konstellation von Saturn, Jupiter und Mars galt, trieb die Menschen in die Gotteshäuser. Es wird ihrer Gesundheit zweifellos enorm geschadet haben.

Einige Seelen indes suchen heute wie damals Zuversicht im Wort Gottes, in der Ansprache durch den Pfarrer. Die Gemeindekirchenräte waren zu Beginn der Corona-Krise durchaus nicht eines Sinnes: Gerade jetzt müssten die Kirchen offen sein – und das Abstandsgebot zu wahren, sei angesichts der zeitgenössischen Besuchszahlen wohl kein Problem. Nun finden sich aber am Sonntag vor allem die besonders gefährdeten älteren Menschen ein, und deswegen ist die Absage von Gottesdiensten vernünftig, auch wenn sie jeden bei der Kirche Beschäftigten zutiefst schmerzt.

Interessante Abwechslung

Um die Gläubigen nicht alleinzulassen, bieten viele Gemeinden aufgezeichnete oder live gestreamte – man möchte sagen: – Geistergottesdienste auf YouTube oder anderen Portalen an. Derlei ist für die Beteiligten, zu denen ich als Kirchenmusiker in Zehlendorf auch gehöre, eine so unangenehme wie interessante Abwechslung.

Die Aufzeichnung besorgen ambitionierte, aber nicht professionelle Videofilmer. Mit der heute gebräuchlichen Software kann man Vieles und Erstaunliches herstellen, aber wenn das Material nicht stimmt, wird es mit der teuersten Technik nicht besser. Wie ist nach einer Unterbrechung zu verfahren, damit Schnitt und Anschluss funktionieren, also der Pfarrer nicht von einer Ecke zur anderen springt?

Der Organist muss Stücke spielen, die er fehlerfrei beherrscht – Fehler, die in der Live-Situation nicht auffallen, fallen in der Aufzeichnung jedem auf –, und dann gelingen sie ihm aus Angst vor dem Mikrofon doch nicht ganz so gut. Ebenso versprechen sich Pfarrer, verhaspeln sich oder stocken zum ersten Mal in ihrem Leben im Vaterunser.

Den Schluss drehen, wenn es noch hell ist

Absurd wird es, wenn es die Terminpläne der Beteiligten so ergeben, dass der Oster-Gottesdienst vor der Karfreitags-Andacht aufgezeichnet werden muss, der Auferstehung vor der Kreuzigung gedacht wird. Oder wenn man die Osternacht am Abend filmt und die Liturgie rückwärts dreht, den Schluss, wenn es noch hell ist, den Anfang, wenn es schon dunkel ist – denn die Osternacht soll ja vom Dunklen ins Helle führen.

Dazu kommt, dass die vorgesehene Sängerin in Quarantäne sitzt und auf die vorab übersandten Aufnahmen die Begleitungen singt, die dann wiederum der Videoaufnahme unterlegt werden. Aber das sind praktische Kleinigkeiten verglichen mit den emotionalen Schwierigkeiten des gesamten Vorgehens. Der Gottesdienst ist Mircea Eliade zufolge eine aus dem profanen Zeitablauf herausgehobene, heilige Zeit. Sie ist ein emphatisches Jetzt, nämlich Gegenwart des vor und jenseits aller Zeit Anwesenden. Eine Aufzeichnung stellt das nicht her, weil sie – im Unterschied zum live übertragenen Rundfunkgottesdienst – eben nicht zu dieser Zeit entsteht, sondern davor, zur falschen, unheiligen Zeit.

Das Davor ist wesentlich

Natürlich gibt es auch ein anderes Davor, das der Vorbereitung, die jedes Fest – und auch der Gottesdienst ist ein Fest – kennt: Die es ausrichten, bereiten den Raum und den Ablauf vor, sie arbeiten in einem Vorgefühl des Kommenden, nicht weniger die Gäste, die ihre Erwartungen mitbringen. Dieses Davor ist zum Gelingen jedes Festes wesentlich, es schafft den innerlichen Raum für das Ereignis – selbst ohne Davor der Gäste „ereignete“ es sich nicht, sondern liefe nur ab und vorbei. So bereitet man sich zwar auf die Video-Andacht vor, wie auf jeden anderen Gottesdienst, aber das Ereignis bleibt aus. Es wird für die Kamera simuliert, kann unterbrochen, verbessert werden – und das Medium verlangt dergleichen auch, denn sonst wäre auch die technische Reproduktion auf ihre Weise nicht echt.

Pfarrern fällt das schwerer als Kirchenmusikern, die als Künstler selbstverständlich mit Schein und Täuschung arbeiten – Elementen, die bei einem Geistlichen niemals zu ahnen sein dürfen. „Ein Komödiant könnt’ einen Pfarrer lehren“ – aber eben auch nur, wenn der Pfarrer, wie in dieser Situation, zum Komödianten werden muss.

Abwesende Gemeinde

Nicht nur das schafft ein Unbehagen, sondern auch der Mangel einer anwesenden Gemeinde, die im Sinne einer geteilten Einbildung dazu beiträgt, dem vom Pfarrer als Repräsentanten der Kirche Behaupteten zur Wahrheit zu verhelfen. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ – das kann man so beschwörend in die Kamera sagen, wie man will: Eine Wahrheit jenseits persönlichen Glaubens oder Unglaubens wird es erst durch das Fest. Ostern 2020 werden wir nicht vergessen, da wir niemals deutlicher empfunden haben als im Mangel, was eine Feier zu ihrem Gelingen braucht.