Das Internet spielt bei der Verbreitung von Nachrichten eine immer wichtigere Rolle. Laut dem aktuellen „Digital News Report“ des Reuters Institute for the Study of Journalism hat das Internet das Fernsehen bei der Nachrichtenvermittlung in einigen Ländern überflügelt. In Deutschland und Frankreich noch nicht. Der kanadisch-iranische Blogger Hossein Derakhshan, der wegen seines angeblich „subversiven“ Blogs sechs Jahre in einem Teheraner Gefängnis inhaftiert war, schrieb kürzlich, dass das persönliche Fernsehen beginne, wenn er sich bei Facebook einlogge. Man braucht nur herunter zu scrollen, schon sieht man Bilder von Freunden, Links zu lustigen Geschichten und Videos – garniert von Empfehlungen und Anzeigen.

Jeder kann seine eigene Geschichte erzählen

Doch anders als das Fernsehen ist das Internet kein passives, sondern ein aktives Medium, in dem jeder – auf Facebook, Twitter, Instagram oder Blogs – seine eigene Geschichte erzählen und Crowds Narrative konstruieren können, die quer zum viel gescholtenen „Meinungsmainstream“ sind. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile.

Das Netz ist voller Gerüchte, Halbwahrheiten und Behauptungen, die schwerlich verifiziert werden können. Als der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn Anfang August in der Arbeiterhochburg Liverpool eine Kundgebung abhielt, wurden auf Twitter Fotos von Menschenmassen verbreitet, die sich um die St. George's Hall versammelt hatten. Corbyn bringt die Massen wieder hinter sich, lautete die Botschaft. Das Bild hatte jedoch einen kleinen Schönheitsfehler: Die Aufnahmen stammten aus dem Jahr 2005, als jubelnde Liverpool-Fans den Champions-League-Sieg auf den Straßen feierten. Es waren wohl ein paar Liverpool-Trikots zu viel unter Corbyns Anhängern, dass der Schwindel aufflog.

Es gibt keine Instanz, die Bilder auf Wahrheiten prüft

Meisterfeiern scheinen ein beliebtes Motiv zu sein, um die Bedeutung von politischen Kundgebungen zu überhöhen. Nach Trumps Rede am 3. August in Jacksonville (Florida) twitterten seine Anhänger Bilder von Menschenmengen. Diese zeigten jedoch keine Trump-Unterstützer in Florida, sondern Fans der Cleveland Cavaliers, die im Juni den NBA-Titel feierten und den Basketballern einen triumphalen Empfang bereiteten. Nach Trumps Rede in Portland wurde das Bildmaterial aus Cleveland nochmals veröffentlicht. Unwahrheiten verkaufen sich manchmal besser als die Wahrheit.

Bilder hatten schon immer ein manipulatives Potenzial, doch im Netz scheint dies außer Kontrolle zu geraten. Zwar werden gewaltverherrlichende und neuerdings auch terroristische Videos algorithmisch gefiltert (was die Frage aufwirft, was ein Algorithmus als terroristisch einstuft). Content-Moderatoren, ein digitaler Putztrupp, entfernen auf den Philippinen für ein paar Dollar anstößiges Bildmaterial aus sozialen Netzwerken. Doch eine Filterinstanz, die Bilder auf ihre Authentizität überprüft, kann es im Netz, wo allein auf Facebook pro Tag 350 Millionen Fotos hochgeladen werden, angesichts der schieren Masse nicht geben. Die Suche nach der Wahrheit in den Untiefen des World Wide Web wird immer schwieriger.