An diesem Dienstag erhält Anja Kampmann eine Medaille. Die hat sie sicher, ohne dass sie dafür einen Wettkampf gewinnen müsste. Alle Autorinnen und Autoren, die mit einem Buch auf der Shortlist für den National Book Award in den USA stehen, werden mit Edelmetall geehrt. Der Roman „Wie hoch die Wasser steigen“, pardon: „High as the Waters Rise“ von Anja Kampmann befindet sich bei der übersetzten Literatur in der engeren Wahl. Am Mittwoch wird sie erfahren, ob sie gar den Preis bekommt. Der National Book Award ist neben dem Pulitzer-Preis die renommierteste Literaturauszeichnung der USA. Die in den Achtzigerjahren eingestellte internationale Kategorie wurde erst 2018 wieder eingeführt.

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Die Schriftstellerin Anja Kampmann.

„Wie hoch die Wasser steigen“ ist der erste Roman der 1983 in Hamburg geborenen und in Leipzig lebenden Autorin, die zunächst als Lyrikerin aufgefallen war. Für den März ist unter dem Titel „Der Hund ist immer hungrig“ wieder ein Gedichtband von ihr angekündigt. Der Roman erschien vor zwei Jahren im Carl Hanser Verlag und erfuhr auch hierzulande viel Aufmerksamkeit – Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Deutschen Buchpreis, Auszeichnung mit dem Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt. Das wundert Leser des Romans wenig, denn es ist ein besonderes Buch, ungewöhnlich in seiner Erzählweise und mit seinem Thema.

Der Bohrarbeiter Waclaw oder Wenzel – sein Name wechselt, je nachdem wer mit ihm spricht, – hatte jahrelang die enge Kabine auf der Ölplattform mit Mátyás geteilt, bis der während der Arbeit verunglückt. „Alles, was folgte“, schreibt Anja Kampmann auf Seite 23 der Originalausgabe, „schien überklar und dennoch verwackelt, Bilder, ausgefranst, an den Rändern nicht fassbar.“

Waclaw, Anfang 50, kann nicht bleiben. Er macht sich auf den Weg zur Familie des Freundes, nach Ungarn. Auf ungeraden Wegen in gestückelten Etappen reist er bald weiter durch Europa, durch seine Familiengeschichte in Polen und im Ruhrgebiet, er zieht nach Italien, sucht seine große Liebe und muss sich damit auseinandersetzen, dass sich die Welt außerhalb der Bohrinseln verändert hat. An seinen Stationen und in seinen Gedanken spiegelt sich eine moderne Arbeitsbiografie. Seine Wege rollen auch eine Flucht rückwärts auf, der Roman handelt von Altlasten, ökologisch und sozial, von verkümmerten und wachsenden Träumen, vom Individuum an den Gummiseilen der Gesellschaft.

Die Amerikaner fragen anders als die Deutschen

Die größten Ölkonzerne haben ihren Sitz in den USA. Die Relevanz des Themas und die Behandlung durch eine stilbewusste Autorin kommen also auch bei einer US-Literaturjury an – obwohl es deutsche Bücher dort immer noch nicht leicht haben. Wenigstens kennt man inzwischen Jenny Erpenbeck, Dörte Hansen, Daniel Kehlmann und Marcel Beyer zum Beispiel. Die in Berlin lebende Amerikanerin Anne Posten, die bereits Anja Kampmanns Gedichte übersetzt hat, konnte den New Yorker Catapult Verlag von dem Roman überzeugen. Auffällig fand die Autorin, wie anders ihr begegnet wurde. „In Deutschland bin ich sehr oft gefragt worden, ob ich eine biografische Beziehung zu dem Thema habe“, sagt sie. „Die Amerikaner hatten das einfach vorausgesetzt, dass man sich als Autorin mit Fragestellungen beschäftigt, die außerhalb von einem selber liegen. Ich wurde nun gefragt, was mich überhaupt am Öl interessiert, an diesen Berufen, nach meiner Sicht auf den Klimawandel und zum Rollenverständnis der Figuren.“

Das Thema hat sie sich über Jahre erarbeitet, erzählt sie. Waclaw, war schon einmal Ölarbeiter in einer Kurzgeschichte, die sie 2013 veröffentlicht hatte. Sie wollte ihn genauer kennenlernen. Solch ein Umfeld könne man sich nicht einfach ausdenken, „das ist eine sehr große Industrie mit bestimmten Regeln und Abläufen“. Außerdem sei es ohnehin interessant, über einen in sich geschlossenen Ort zu schreiben. „Die Arbeiter sind für zwei, drei Wochen am Stück da draußen. Da entstehen soziale Hierarchien, wie gehen die miteinander um?“

Anja Kampmann sprach mit Arbeitern aus aller Herren Länder: mit einem Polen, der in Rumänien bei einem Fracking-Projekt mitgearbeitet hat, mit Leuten aus Australien, England, mit US-Amerikanern, natürlich auch Deutschen. Weil sie sich nur Förderanlagen an Land ansehen und keine Bohrinsel betreten durfte, bat sie Arbeiter, ihr Handyvideos von ihren Kabinen zu schicken. Und sie las viel über Fördergebiete, Bohrtechnik und Bohrköpfe.

Mitte September ist die amerikanische Ausgabe erschienen und gleich vom Magazin New Yorker mit einer Rezension bedacht worden. In jenen Tagen, als die Pandemie überschaubar schien, traf Anja Kampmann sich mit ihrer Übersetzerin und ein paar Freunden in Berlin, um auf das Buch anzustoßen. Als sie gehen wollten, blinkte auf ihrem Handy eine Nachricht ihrer Verlegerin auf, sie möge sich bitte melden. „Und dann sagte sie, wir seien für den National Book Award nominiert, für die Longlist. Das war so fern jeglicher Vorstellung, dass ich es erst kaum verstand, aber Anne reagierte auch ungläubig.“ Die Runde blieb noch ein bisschen länger zusammen.

Corona zwingt zur Schreibpause

Die Medaillenübergabe wird online erfolgen, wegen Corona werden kaum die US-amerikanischen Nominierten an der Preisverleihung teilnehmen können. Den Besuch bei ihrem Verlag hat Anja Kampmann auf das nächste Jahr vertagt.

So wie sie auch das Romanprojekt, an dem sie noch im Sommer arbeitete, wieder zur Seite legen musste, weil sie derzeit kaum wegfahren kann. „Man denkt immer, man kann von überall schreiben, das stimmt auch. Aber für das, was ich erzählen will, muss ich auch etwas gesehen haben. Die Recherche vor Ort ergibt so etwas wie eine andere Körnung des Bildes, es ist sinnlicher.“ Diesmal wollte sie nach Montenegro und nach China, das ging nicht.

Auch für unser Gespräch sind wir nicht gereist, sondern haben zwischen Leipzig und Berlin das Telefon benutzt.