Schriftstellerin Helga Schubert gewinnt Bachmannpreis.
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BerlinSie wollte sich nicht so an die Jury ranschmeißen, sagt Helga Schubert am Sonntagmittag in die Kamera. Deshalb habe sie den Titel ihrer Erzählung geändert, der ursprünglich auf Ingeborg Bachmann Bezug nahm. Doch sie hatte ohnehin keine Tricks nötig, um die Mehrzahl der sieben Juroren des mit den Mitteln der digitalen Technik ausgetragenen Literaturwettstreits zu überzeugen. Mit dem „Vom Aufstehen“ überschriebenen Text hat sie den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

„Das achtzigste Jahr“ hieß der Titel erst, analog zur Erzählung „Das dreißigste Jahr“ der Namenspatin des Literaturwettbewerbs. War nach Schuberts Nominierung zu der Veranstaltung Ende März das Geraune groß, dass eine Achtzigjährige gegen Autoren antritt, die mehrheitlich um die dreißig sind, stieß ihre am Freitagmorgen eingespielte Lesung auf ein positives, zum Teil begeistertes Echo.

Helga Schubert erzählt vom Lebenskreislauf aus der Perspektive einer alten Frau. Die erinnert sich an die Kindheit in Krieg und Nachkrieg mit einer Mutter, die keine Liebe für sie hatte. Der Text nimmt christliche, musikalische und Naturmotive auf, tritt in Dialog mit Ingeborg Bachmann und mit den Dichtern der Romantik, bleibt aber immer nah an der Gesellschaft, an den Entbehrungen einer Generation. Es ist keine Abrechnung mit der Mutter, sondern ein Ringen um Verstehen, eine Reise im Kopf. Die Wärme der Erzählstimme gilt aber ihrem kranken Mann im Nachbarzimmer.

„Ich liebe Helga Schubert“, rief der Schweizer Juror und Schriftsteller Philipp Tingler am Freitag nach der Lesung aus. Ausgerechnet Tingler, der sich sonst meist in der Rolle gefiel, gegen die Urteile der Kollegen anzureden, nicht wenige Texte grundsätzlich anders verstand als sie und sogar einheitliche Kriterien forderte. Die österreichische Kritikerin Brigitte Schwens-Harrant lobte das Einfache, das nicht schlicht war: „Das Erzählen des Lebens ist auch eine Kunst.“

Hubert Winkels vom Deutschlandfunk, der Vorsitzende der Jury, erinnerte zunächst daran, dass Helga Schubert vor vierzig Jahren schon einmal zum Wettbewerb eingeladen war, von der DDR aber nicht die Erlaubnis zur Ausreise bekam. Ende der 80er-Jahre jedoch, das sprach er dann auch an, war sie selbst Jurorin in Klagenfurt, als einer der beiden Vertreter aus der DDR. „Ich weiß, dass wir Zuhörer skeptisch waren, sprechen die für ihren Staat, ist da was Stasihaftes dabei? Im Nachhinein ungute Abgrenzungen“, so Winkels. War es die Grundstimmung des Verzeihens der Mutter gegenüber, die ihn zum selbstkritischen Blick des Westlers auf den Osten anregte? Er zeigte sich von ihrer Lesung berührt – nicht nur von der Geschichte, sondern auch von der Form.

Auf dem Bildschirm daneben lächelte Helga Schubert. Wer sie kennt, weiß, dass sie den Staat nicht verteidigen würde. Über ihr Schreiben damals sagte sie kürzlich am Telefon: „Die Diktatur vergröbert die Sprache.“

Üblicherweise schlägt jeder Juror zwei Autoren für die Tage der deutschsprachigen Literatur vor. Helga Schubert wurde von Insa Wilke nominiert. Die hatte die Autorin erst im vergangenen Jahr bei einer Tagung des Literarischen Colloquiums und des Österreichischen Kulturforums in Berlin kennengelernt, denn Schubert war viele Jahre aus dem Literaturbetrieb verschwunden. Diese Einladung bringt sie nun wieder zurück. In ihrer Laudatio hob Insa Wilke hervor, bei all den Katastrophen im erzählten Leben zeige der Text doch „wie man Frieden machen kann“.

Nach der Preisverleihung mit virtuellem Händedruck um ein paar Worte gebeten, sagt Helga Schubert, dass sich nach ihrer Lesung bereits eine Literaturagentin und ein Verlag bei ihr gemeldet hätten. „Wo sehen wir Sie denn jetzt?“, möchte der Moderator aus dem Klagenfurter ORF-Studio wissen. Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren und 2008 von dort nach Mecklenburg gezogen, sitzt in einem Wohnzimmer voller Bilder ihres Mannes, des Malers und Psychologen Johannes Helm. Sie beschreibt kurz ihre Landschaft in der Nähe von Schwerin und Wismar, „die Altstadt ist Weltkulturerbe“. Und so ist sie nun sogar so etwas wie eine Botschafterin des Ostens.

Um den Hauptpreis konkurrierten mit ihr in einer Stichwahl bereits die Autorinnen Lisa Krusche und Laura Freudenthaler, beide konnten in den weiteren Abstimmungen noch aufatmen. Zunächst erhielt Lisa Krusche den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis. Sie wirft in ihrem Text fantastische Wesen in eine Computerspielatmosphäre, die Wirklichkeit, Technik und Fantasie durcheinanderwirbelt. Schließlich wurde Laura Freudenthalers Erzählung, in der Mäuse in einem heißen Sommer als Plage auftreten, mit dem 3Sat-Preis geehrt. Ihr Ton schwillt langsam an, er klingt – obwohl davor entstanden – wie die Begleitmusik zur Corona-Pandemie, die den Wettbewerb ins Netz verlagert hat. Die vierte Jury-Auszeichnung ging an den Österreicher Egon Christian Leitner, der sich kritisch mit der Herrschaft der Ökonomie über den Menschen auseinandersetzt. Pikanterweise ist es der von einem Wirtschaftsunternehmen, dem Energiedienstleister Kelag, gestiftete Preis. Das Publikum schließlich votierte online für Lydia Haider.

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