„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt bekam wegen der fragwürdigen Berichterstattung seines Blattes über die Familientragödie in Solingen gewaltigen Ärger.
Foto: Jörg Schäler/Imago Images

BerlinAm Mittwoch las Giovanni di Lorenzo Julian Reichelt die Leviten, ohne jedoch seinen Amtskollegen von „Bild“ direkt beim Namen zu nennen. Der Chefredakteur der „Zeit“ war als externer Blattkritiker Gast der Redaktionskonferenz der im Medienhaus Axel Springer erscheinenden Boulevardzeitung. Und natürlich ging es dabei auch um die, zurückhaltend formuliert, höchst umstrittene Berichterstattung von „Bild“ über die Familientragödie von Solingen.

Di Lorenzo sagte, man könne die eigene Berichterstattung nicht mit dem Argument rechtfertigen, andere hätten ja ganz ähnlich berichtet. Reichelt hatte in der Vergangenheit genau dies mehrfach getan: Dass „Bild“ aus WhatsApp-Nachrichten des elfjährigen Überlebenden zitiert hatte, die dem Blatt von einem zwölfjährigen Nachbarsjungen zur Verfügung gestellt worden waren, sei nicht zu beanstanden, da RTL ganz ähnlich berichtet habe. Sogar die Polizei habe aus den WhatsApp-Nachrichten zitiert.

Das Problem des „Bild“-Chefs ist, dass seine Rechtfertigung nirgends mehr verfängt. Zwar kann es ihm egal sein, was di Lorenzo über die „Bild“-Berichterstattung denkt. Doch wenn es im Verlag und sogar in der eigenen Redaktion Kritik an seiner Arbeit gibt, ist das für Reichelt höchst bedrohlich. Und diese Kritik wird, was den Fall Solingen betrifft, immer lauter: Am Sonntagnachmittag bedauerte ein Springer-Sprecher die Veröffentlichung des „Bild“-Berichts. Am Abend desselben Tages schrieb der „Bild“-Bayern-Chef Daniel Cremer, der auch Mitglied der Chefredaktion ist, auf Twitter, die Entscheidung, die Geschichte zu bringen, sei „ein Fehler“ gewesen. Und auf der Redaktionskonferenz vom Mittwoch sprachen Redakteure von einem Imageschaden, den die Story verursacht habe.

Doch am meisten dürfte Reichelt geschmerzt haben, dass sich Springer-Chef Mathias Döpfner am Dienstag auf einer Mitarbeiterversammlung, einem sogenannten Townhall Meeting, von dem Bericht distanzierte. Der Vorstandschef hatte Reichelt bisher immer den Rücken freigehalten. Das war auch dringend nötig, denn das Verhältnis des 40-Jährigen zu Verlegerin Friede Springer gilt als zerrüttet. Anlässlich von Reichelts Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten beschwerte sie sich bei Döpfner über den Chefredakteur. Sollte der Vorstandsvorsitzende seine schützende Hand nicht länger über Reichelt halten, könnte es für den „Bild“-Chef eng werden.

Womöglich wurde sein Handlungsspielraum bereits eingeschränkt: Wie es in Redaktionskreisen heißt, war es nicht Reichelt, der entschied, das fragwürdige Stück zu Solingen Samstagmittag aus dem Internet zu nehmen. Die Anweisung dazu sei aus dem Verlag gekommen. Ein Springer-Sprecher bestreitet das vehement.

Aber wie glaubhaft ist dieses Dementi? Wenn Reichelt das Stück selbst vom Netz nahm, weshalb verteidigte er es dann wortreich zwei Tage später im Deutschlandfunk? Und warum bescheinigte er auf der Blattkritik vom Mittwoch der Reporterin, die für das Solingen-Stück verantwortlich war, sie habe alles richtig gemacht?

Am drängendsten ist aber die Frage: Hat Reichelt als „Bild“-Chefredakteur noch eine Zukunft?

*

Wenn kommenden Dienstag die erste Folge der neuen ARD-Serie „Oktoberfest 1900“ ausgestrahlt wird, werden Zuschauer, die sie bereits aus der Mediathek des Ersten kennen, einen Aha-Effekt erleben. Denn das Epos aus dem Münchner Brauereimilieu um 1900 beginnt in der TV-Fassung gänzlich anders als in der Online-Version. Im guten alten Fernsehen beginnt die Serie ganz gemächlich: Die Kamera zoomt auf eine Villa, der Schriftzug „Ostern 1900“ ist zu sehen. Es folgt ein Schnitt. Zwei Herren kommen ins Bild, die – offenbar im Inneren der Villa – an einem Tisch stehen und sich unterhalten.

Der Einstieg der Online-Version ist dagegen weitaus origineller: In einem Gewässer schwimmt ein undefinierbarer Gegenstand. Eine junge Frau im Schilfrock, vermutlich eine Indigene aus dem pazifischen Raum, holt das Objekt aus dem Wasser. Es ist ein abgeschlagener Kopf. Sie trägt ihn zu ihrem Stamm. Die Kamera wird aufgezogen. Sie schwenkt über den Stamm hinweg. In der Ferne ist die Silhouette Münchens zu erkennen. Bei dem Gewässer handelt es sich ganz offenbar um die Isar.

Ein Sprecher des Bayerischen Rundfunks (BR), der bei der Produktion der Serie federführend war, teilt mit, „Nutzer von On-Demand-Plattformen“ seien „komplexere Einstiege gewöhnt“. Dagegen sei „für den linearen Programmablauf … ein anderer Einstieg verständlicher und erfolgsversprechender“. Mit anderen Worten: Nach Ansicht des BR überfordern komplexe Einstiege das vorwiegend ältere Fernsehpublikum. Wie ein Kompliment klingt das nicht gerade.

*

Diese Kolumne pausiert urlaubsbedingt. Ihre nächste Ausgabe erscheint am 9. Oktober.