Das Kettcar: Ein solide gebauter, allemal robuster Autosimulator, gewissermaßen der Mercedes unter den Tretautos.
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Ense-ParsitDer Schock: Kettler, der Hersteller des legendären Kettcars, stellt nach 70 Jahren die Fertigung ein. Das Unternehmen ist insolvent. Sechs Redakteure ringen mit der Fassung und erinnern sich an ihr Tretauto.

1 Ruf der Freiheit

Da war sie – die Freiheit! Sie kam auf vier Rädern , stand vor der Tür des Elternhauses. Ein Kettcar. Ein Geschenk meines Opas. Ich war begeistert und vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Es war ein Sommerabend, und meine Eltern und mein Opa winkten mir, als ich mit dem Flitzer aus Stahl davon bretterte. Nur die Straße runter und einmal um den Spielplatz und dann wieder zurück, lautete der Befehl des Rennstallbesitzers, meines Vaters, an den Fahrer des Boliden – mich.

Der Polizist Heinrich "Joh" Friedlein in einem Polizei-Tretauto in Bayreuth.
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Doch der Ruf der Freiheit war zu laut, der Abend zu schön, die Räder rollten zu schnell über die freien Bürgersteige des Viertels, in dem wir lebten und in dem ich später die Grundschule besuchen sollte. Ich vergaß Zeit und Raum und Eltern und fuhr davon gen Horizont! Der Ausflug endete allerdings dann recht abrupt, als mein wütender Vater mich nach zwei Stunden wieder einfing.

(Marcus Weingärtner)

2 Wege zur Formel 1

Bei den jüngeren Modellen sticht sofort die dicke Bereifung ins Auge. Der Trend zum SUV scheint in den letzten Jahren auch den Markt von Tretautos beeinflusst zu haben: Robustheit vor Eleganz. An einer ähnlichen Frage ist meine Kettcar-Karriere bereits 1967 gescheitert. Zur sportlichen Einübung der Verkehrsregeln wurde auf dem Schulhof ein Wettrennen veranstaltet. Die Fahrgeräte sahen klasse aus, wir gaben uns Namen wie Jochen A, Jack Brabham und Graham Hill. Allesamt Formel-1-Stars, wir kannten uns schließlich aus.

Firmenschild mit Unternehmenslogo steht vor der Hauptverwaltung von Kettler. Der Kettcar-Hersteller stellt die Fertigung des Kettcars ein.
Foto: dpa/Bernd Thissen

Ich war Jacky Ickx, der Belgier. Ließ sich leicht aussprechen, aber schwer schreiben. Dann ging alles ganz schnell, ich fasste nicht richtig Tritt. Mangels Übung fehlte es an der Erkenntnis, dass man filigran eintreten muss, ehe man auf Touren kommt. Ich aber trat zu und die Kette sprang ab. Für den automobilen Rennsport war ich verloren – für immer.

(Harry Nutt)

Vorschule des Autofahrens

Kaum ein anderes Spielzeug in der Vorstadtsiedlung erzeugte mehr Neid: Das Kettcar wollte jeder haben. Es war nicht einfach nur ein Tretauto, sondern stand wegen seiner robusten Stahlkonstruktion und der damit einhergehenden Schwerfälligkeit in denkbar größter Nähe zum Auto. Darum ging es beim Kettcar: Um ein Autofahrerlebnis, dessen Motorlosigkeit durch schiere Wuchtigkeit sowie ein stabiles, zumal wackelfreies Lenkrad wettgemacht wurde. Das Kettcar war irgendwie echt im Sinne von: erwachsen. Die Realitätsillusion konnte übrigens noch steigern, wer so wie ich allerlei Motorengeräusche vor sich hinbrummte. Perfekt!

Die größte Herausforderung für mich und mein Kettcar war allerdings die Todespiste. So nannten wir eine sehr, sehr steile Abfahrt in der nahe gelegenen Kiesgrube. Auf dieser Piste rasten wir hinunter – mindestens so schnell wie ein richtiges Auto. Dachten wir jedenfalls. Die eigentliche Lektion aber lautete: Wer Auto fährt, sucht die Gefahr.

(Christian Schlüter)

4 Feminismus

Meine Karriere als anständiges Mädchen endete an einem Heiligen Abend in den Sechzigern, als ich dabei erwischt wurde, wie ich einer langhaarigen Puppe einen Kurzhaarschnitt verpasste. Was mir logisch erschien, denn nur zu diesem Zweck hatte ich sie mir gewünscht. Fortan wurde ich in der Spielzeugfrage stets so wie mein Bruder behandelt, er bekam die Eisen-, ich die Autobahn, er das Matchbox-Feuerwehrauto, ich den Krankenwagen. Und so fort. Ansonsten hieß es: teilen, abgeben.

Das Kettcar, das fette, zum Beispiel. Was bedeutete: kämpfen um jede Runde auf dem Ding, das schwer war wie ein Panzer. Bei einem dieser Straßenkämpfe rumpelte der Nachbarsjunge, der den Platz am Volant erobert hatte und dem ich mich kühn in den Weg stellte, mit dem linken Kettcar-Vorderrad über meinen zarten Fuß. Zeh zermalmt, Herz gebrochen. Beides heilte.

(Bettina Cosack)

5 Das DDR-Kettcar

So viel vorab: Ich hatte kein eigenes Tretauto. Meine Eltern wollten das nicht. Ich weiß nicht, warum. Aber mein Freund Reiner hatte eins – und zwei Geschwister. Die können sich das Spielgerät teilen, hatten Reiners Eltern gesagt und eins gekauft. Es war das Tretauto „Liliput“, der Vorgänger vom vierrädrigen Zekiwa MC 104. Reiners Fahrzeug war grün, hatte zwei luftbereifte Räder vorn und eins hinten. Besonders markant war in der Mitte des Rahmens ein Hebel mit einem runden Knauf. Es war der Bremshebel, der bei Reiner nicht so recht funktionierte.

Ein Mädchen sitzt auf einem Kettcar des Herstellers Kettler.
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Ich durfte auch ab und zu fahren. Für Sahnebonbons natürlich. Gegen das süße Zeug hatten meine Eltern nichts, aber gegen ein Tretauto. So wuchs ich also im Bezirk Karl-Marx-Stadt auf – mit meinem Freund und dessen Gefährt. Als die Beine über das Lenkrad hinausgewachsen waren, kam „Liliput“ in den Keller. Reiner hat es vor einem halben Jahr entsorgt.

(Lutz Schnedelbach)

6 Unverhoffte Alternative: Der Ruderrenner von Steiff

Das Spielgerät Kettcar hat wesentlich zu meiner Entwicklung beigetragen. Ich besaß nämlich keines. Stattdessen stählte mich ein Ruderrenner aus dem Hause Margarete Steiff, im muskulären und im zwischenmenschlichen Bereich: beim Ziehen an einem Rundholz nebst Riemen, der die Hinterachse des hölzernen Gefährts antrieb. Und beim Ziehen über den Tisch. Jener Kinder, die ein in allen Belangen überlegenes Kettcar fuhren.

Die Firma Steiff lieferte eine Alternative zum Kettcar.
Foto: Druckerei Conrad

In fast allen Belangen. Denn meine Rarität erwies sich als außergewöhnlich attraktives Tauschobjekt. So war ich ein Kettcarbenutzer, ohne Kettcarbesitzer zu sein, und um die Erkenntnis reicher, dass sich eine vermeintliche Schwäche in eine Stärke verwandeln lässt. Womit wir bei einem ganz anderen Thema wären. Doch warum ich irgendwann ein Ruderer wurde, kann ich ja später mal erzählen.

(Christian Schwager)