Chantal Akerman in, Cannes 1983.
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Berlin„Wenn du Karriere machen willst, musst Du einen Plan haben. Einen solchen Plan hatte ich nie“, äußerte Chantal Akerman in einem späten Interview. Das war nicht kokett gemeint. Im kommerziellen Kino ist sie nie heimisch geworden. Ein konkretes Ziel aber hat die Filmemacherin zeitlebens sehr wohl verfolgt. Dieses bestand in der künstlerischen Vermessung der eigenen Freiheit. 

Ihre Filme sind konsequente Selbstversuche. Immer aufs Neue stellen sie die eine Frage: Vermag künstlerische Kreativität die Dämonen der Geschichte zu vertreiben? Die Tatsache, dass die Künstlerin vor fünf Jahren freiwillig aus dem Leben schied, scheint darauf eine pessimistische Antwort zu geben. Ihre fast 50 zwischen 1968 und 2015 entstandenen Filme beweisen jedoch, dass es zumindest möglich ist, die Gespenster für lange Zeit im Zaum zu halten.

1950 in Brüssel geboren, verfiel sie nach dem Sehen von Godards „Pierrot le fou“ dem Kino. Sie ging nach Paris, später nach New York. Ihr zehnminütiger Erstling „Saute ma ville“ zeigt eine junge Frau, die in einem exorzistischen Akt die Rituale ihrer Erziehung nachvollzieht und schließlich ihr Apartment in die Luft sprengt. Mit dem Langfilmdebüt „Jeanne Dielman, 23, quai du commerce, 1080 Bruxelles“ (1975) wurde die Regisseurin in cinephilen Kreisen international bekannt. Das fast vier Stunden lange Werk setzte durch seine formale Strenge und das tückische Finale ikonografische Maßstäbe, beeinflusste im Nachgang zahlreiche Künstler, wie etwa die Filmemacher Gus Van Sant und Michael Haneke oder den Autor Peter Handke.

Chantal Akerman schuf wegweisende Essays, Spielfilme und Installationen, adaptierte auch Vorlagen von Marcel Proust („Die Gefangene“) oder Joseph Conrad („La folie Almayer“). 1995 mit „Eine Couch in New York“ (1995) legte sie sogar eine überraschend versöhnliche Komödie mit Juliette Binoche und William Hurt vor.

Doch im Wesentlichen blieben ihre Filme stets grüblerische Arbeiten eines „armen Kinos“, mit geringem Budget und ungewöhnlichen Ansätzen. Aus dem produktionstechnisch Wenigen wurde ein immenses Mehr an Innovation geschöpft.

2015 bekannte die Künstlerin in einem Gespräch: „Meine Mutter war das Herz meiner Arbeit.“ Mehrere ihrer Filme entstanden im Dialog mit der Auschwitz-Überlebenden, wobei die Lagererfahrungen nie direkt angesprochen wurden. Auch ihr letzter Film „No Home Movie“ kreist um dieses Trauma. In langen Skype-Gesprächen geht es vordergründig um Banalitäten des Alltags, stets wird dabei das dünne Eis des Unausgesprochenen deutlich. Gerade dadurch steht der durch den Holocaust markierte Zivilisationsbruch greifbar im Raum. Die Mutter alterte während der Dreharbeiten zusehends. Nur wenige Monate nach ihrem Tod und kurz nach der Premiere des Films verstarb auch Chantal Akerman.

Einige Filme von Chantal Akerman sind im Netz verfügbar. Die Proust-Verfilmung „Die Gefangene“ (La Captive) mit Sylvie Testud in der Hauptrolle ist bei absolut Medien auf DVD erschienen. Das überaus sehenswerte, kurz vor dem Tod der Künstlerin entstandene Porträt „I Don't Belong Anywhere - Le cinéma de Chantal Akerman“ befindet sich im Katalog des Online-Anbieters MUBI.