Gruppenflug-Versuch: „Requiem –- Hommage à György Kurtag“, 2011.
Foto: Norbert Banik

BerlinAbheben oder der Erdanziehung gehorchen? Überm Eingang zum Pierre-Boulez-Saal in der Französischen Straße wagen fünf kantige Bronzegestalten einen Flugversuch. Die Vorderste breitet die Armschwingen aus, bei den hinteren Zweibeinern mit den hohlen Augen in den fast dreieckigen Masken-Gesichtern hängen sie noch bedenklich gen Boden. Der Gruppenflugversuch scheint nicht gelingen zu wollen.

Die Bronzegruppe des Berliner Bildhauers Alexander Polzin trauert, trägt schließlich den Titel „Requiem“. Gewidmet ist sie dem Freund des Bildhauers, dem Komponisten György Kurtag im Jahr 2011, einem Mann, den seine jüdisch-ungarische Herkunft in der NS-Zeit aus dem Geburtsland Rumänien vertrieben hat und der heute, im hohen Alter, noch immer in Frankreich im Exil lebt, weitab vom Geburtsort und von Deutschland. Nur ist es kein andächtiges Seelenamt, eher eine herausfordernde Melancholie, denn die Masken-Wesen blicken einen dringlich fragend an.

Wie Engel oder Ikarus-Gestalten

Seit 20 Jahren pflegt der Berliner Bildhauer und Bühnenbildner Polzin, Jahrgang 1973, den Dialog mit dem alten Mann der Musik. Kurtags Kompositionen wurden wie zu bronzenen Echos, wachen mit erstarrtem Flügelschlag – von Engeln oder zögernden, die Freiheit suchenden Ikarus-Gestalten? – über dem Konzertsaal der Barenboim-Said-Akademie.

Sie geben die optische Einstimmung, einen „Klang“, wenn da demnächst das Experimentalraum-Tanz-und Musik-Theater „The Artist of Being Human I“ zur Aufführung kommt und die Kompositionen etwa von Orlando Gibbons, William Lawes, Henry Purcell erklingen

"Shooting Clouds II - Hommage à Andreas Schiff", 2014.
Foto: Klaus Michalek

Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, Tanz und bildende Kunst werden, so haben die Macher es beschlossen, zu einer interdisziplinären Performance. Laurence Dreyfus und sein Ensemble Phantasm, die Choreografin Sommer Ulrickson und der Bildhauer Alexander Polzin als Bühnenbildner loten in dieser eigens für den Ort konzipierten Produktion das unerwartete Potenzial der Kunst aus. Und die sechs   raumgreifenden, vom Berliner Bronzeguss-Meister Marc Krepp exzellent gegossenen und wie warmes Holz wirkenden Plastiken Polzins bilden Prolog wie Epilog des Stückes, dessen Handlung und Verlauf derzeit noch ein Geheimnis bleiben.

Unsentimentale Gottesboten

Aber die Bronzen im Foyer lassen ahnen, was da sein wird. Über der Eingangstür ein weiterer Flugversuch: Die Gestalt kann die schweren Flügel kaum tragen, gerät ihretwegen fast aus der Balance, sodass es den Oberkörper nach hinten reißt. Ans Abheben ist nicht zu denken, die Auskragungen der Flügel gleichen Krallen, die sich gleich in den Boden rammen werden.

Engelsgleich ist hier nichts. Solch ein bronzener Gottesbote verjagt alle Sentimentalität, ist archaisch hart, die metallene Körperhaftigkeit der eigentlich Körperlosen streift das Utopische, auch Religiöse, ist aber zugleich ketzerisch. Und doch irgendwie auch „Engel verzweifelter Zuversicht“, wie Polzin es für seine Metaphorik hofft.

Flugversuche  und Sirenen

Im Foyer vorm Konzertsaal ragen ein blütengleicher Menschentorso und die baumstammartige „Parthenope“ hoch in den Raum − jene Sirene aus der griechischen Mythologie, die sich trotz des Wohlklangs ihrer Stimme ins Meer stürzte. Diese Bronze mit gerissener Oberfläche, Rinden-Spalten gleich, aus denen es golden leuchtet, sind biomorph und pathetisch zugleich. Polzin erfand hier, wie bei den „Flugversuchen“, Form für Leiden wie für Auflehnung. Lebenswille, Kunstwille.

Ausstellung „Sound of Sculpture“


Der Künstler
: Alexander Polzin, geboren 1973 in Berlin, arbeitet als Bildhauer vornehmlich in Bronze. Er wirkt als Bühnenbildner an internationalen Spielstätten für Oper, Ballett und Schauspiel.

Die Schau: „Sound of Sculpture“ im Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie korrespondiert mit der Aufführung „The Artist of Being Human I“ vom 20. bis 22. März. Ausstellung bis 22. März, Französische Straße 33 d, geöffnet Di–Sa 14−18 Uhr.

Der Bildhauer erzählt, wo das alles angefangen hat. Vor 16 Jahren betrat er erstmals das damalige Magazin der Staatsoper unter den Linden, wo heute der Boulez-Saal ist. Da hat er für „Philemon und Baucis“ seine erste Bühnengestaltung entworfen. Den Boden, wo die Musiker saßen, hatte er als Himmel gemalt. Nun sind seine erdverhafteten „Engel“ dahin zurückgekehrt.