Ohne Touristen keine Show: die Tänzer von „Magic Mike Live“ in glücklicheren Tagen.
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BerlinEnde Januar hatten sich halbnackte Stripper von „Magic Mike Live“ am Potsdamer Platz selbst zur größten Show-Premiere des Jahres ausgerufen. Haha, dachte man da, was für eine Ignoranz in einem Jahr, in dem sowohl der Friedrichstadt-Palast als auch der Cirque du Soleil in direkter Nachbarschaft für teure Show-Triumphe rüsteten. 

Im selben Moment ging über Wuhan eine radikale Ausgangssperre nieder. Aus Berlin blickte man eher unbeteiligt auf die irren Anti-Virus-Maßnahmen in der Ferne. Zwei Monate später wurde klar, dass der enthemmte Jubel bei den Strippern im Kellerclub die größte Show-Premiere des Jahres gewesen sein wird. Noch eine kommt nicht. Der Friedrichstadt-Palast und der Cirque du Soleil verschieben ihre Premieren um ein volles Jahr auf Herbst 2021. Das seit 2016 geschlossene Musical-Theater bleibt weiter dunkel.

Anhaltende Leere, das schreibt sich so leicht hin. Aber auch ausbleibendes Vergnügen vernichtet Existenzen. Nicht nur die Autoindustrie beschäftigt Zulieferer. „Magic Mike Live“ etwa musste nicht nur seine Tänzer in Kurzarbeit schicken, sondern bis zu 45 Leute von Ton, Licht, Dressing, Küche, Bar werden jetzt nicht gebraucht. Wenn überhaupt noch mal. Das Geschäftsmodell basiert auf Nähe. 80 Prozent der Gäste sind Touristen. Der Wintergarten, das Chamäleon, die Bar jeder Vernunft, das Tipi – alle Privattheater befinden sich im Überlebenskampf.

Zwangsurlaub für knapp 5000 Cirque-Mitarbeiter

Der Januar war beladen mit der Hoffnung, dem Potsdamer Platz wieder Leben einzuhauchen. Die Blue Man Group und das Cinemaxx frohlockten, nicht mehr als einzige Zuschauer zu erwarten. Die Spielbank rechnete mit neuen Kunden. Alle gemeinsam aber sehnten sich nach dem nächsten großen Ding, dem Einzug des Cirque du Soleil ins Theater am Potsdamer Platz, 1800 Plätze. Für „Nysa“ waren schon Karten im Verkauf. Wer schon welche hat, soll sie nun aufheben und in anderthalb Jahren damit wiederkommen: Gleiche Stelle, gleiche Woche, heißt es kühn auf der Website.

Was die Strip-Show „Magic Mike“ im Kleinen durchläuft, passiert dem Cirque du Soleil durch Corona gerade weltweit. Knapp 5000 Mitarbeiter beschäftigt der Cirque in 44 Shows, fast alle sind jetzt im Zwangsurlaub. In Kanada dürfte Kurzarbeitergeld vom Staat unüblich sein, aber die dortige Provinz Québec will dem Unternehmen ein Darlehen bis zu 182 Millionen Euro überlassen.

Der Sonnenzirkus, 1984 gegründet von dem kanadischen Stelzenläufer Guy Laliberté, wollte nie ein Zirkus sein, sondern etwas Besonderes. Er ließ die Tiere weg in seinen reinweißen Zelten, versuchte stattdessen mit theatralischer Akrobatik Rauschzustände zu schaffen.

Er wuchs zu einem globalen Unternehmen, das nun globalen Krisen trotzen muss. Nach dem Einbruch der Finanzmärkte 2008 blieben die Zelte halb leer, schrieben erstmals rote Zahlen und der Gründer verkaufte Konzernanteile. Vor fünf Jahren – Forbes schätzte Lalibertés Vermögen auf 1,9 Milliarden Dollar – verkaufte er weitere Teile seines Imperiums an Finanzinvestoren aus den USA und China, im Februar 2020 den Rest. Das ist nichts Ungewöhnliches mehr. Auch die Stage Entertainment, die die meisten Musicalhäuser in Deutschland betreibt und ihr Konkurrent BB-Mehr!Entertainment, der „Harry Potter“ in Hamburg am Tag vor der Premiere schließen musste, sind nicht mehr inhabergeführt, sondern gehören internationalen Konzernen.

Konkurrenz für den Friedrichstadt-Palast, so der Plan

Ungewöhnlich ist, dass Laliberté, 60 und zwischenzeitlich als Weltraumtourist auf einer Sojus-Station, nun sein angeschlagenes Unternehmen zurückkaufen will. Die Zirkustruppe habe ihm „so viel gegeben“, sagte er. Aber was heißt das für die Pläne in Berlin? Nichts, lässt sich Marek Lieberberg von Live Nation zitieren. Er ist Produzent der Berliner Cirque-Show und nun Pächter eines leeren Hauses: „Die Besitzverhältnisse haben darauf überhaupt keinen Einfluss.“ Keinen? Man wird sehen, was das Schreckensvirus übrig lässt an Mut für neue Investitionen. Ob Berlin wirklich das Zuschauerpotenzial hat für ein zweites Haus mit Glamour-Shows und Artistik neben dem Friedrichstadt-Palast. Sicher, Las Vegas hat sogar sieben feste Cirque-Häuser, allerdings auch andere Touristenströme.

Ob die Zeit für Neu-Investitionen im zweistelligen Millionenbereich wirklich schnell zurückkehrt, wenn auch so viel Bestand zu retten ist? Schwer zu sagen. Scheues Privatkapital dürfte sich aber nie so dreist benehmen wie Steuergeld in Politikerhand. Das wird, ungeachtet der schwersten Krise seit der Nachkriegszeit, allen Ernstes in den Bau einer Einheitswippe geschüttet, die keiner will und keiner braucht.