Berlin - Maria Sellamawit Häußler, 29, geboren in Stuttgart, ist seit dem 1. Februar 2021 Reporterin der Berliner Zeitung. Mit diesem Essay gibt sie Hinweise, wie sich Rassismus in der Gesellschaft bekämpfen lässt. Wir als Redaktion nehmen den Essay zum Anlass, in Zukunft für eine diversere Teambesetzung und Berichterstattung zu sorgen. Wir heißen unsere neue Kollegin herzlich willkommen (Die Redaktion).

Ist man kein Rassist, nur weil man sich über seine rassistischen Worte keine Gedanken macht? Nur weil man so und nicht anders sozialisiert wurde? Das deutete zumindest Schlagersänger Jürgen Milski in der umstrittenen WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ an, die später zu einem Shitstorm führte. Die eigene Unbedarftheit gab er als Begründung dafür an, warum es unnötig sei, für rassistische Bezeichnungen neue Begriffe zu finden (etwa für kontroverse Straßennamen in Berlin). Auf die Idee, dass genau diese Ignoranz das Problem ist, kam er dabei nicht.

Rassismus ist schlecht. Dieser Aussage würde auch Jürgen Milski ohne Weiteres zustimmen. Wir haben diesen Konsens, dem nur eine sehr kleine Minderheit widersprechen würde. Wie kann es also sein, dass sich Narrative und Klischees, die aus der Kolonialzeit stammen, bis heute halten?

Gut gemeinte Rassismen

Wer Rassismus durch Sprache oder Verhalten reproduziert, ist nicht gleich ein Rassist, der an die Rassenlehre glaubt. Ich bin als Schwarze selbst von Rassismus betroffen. Wenn Menschen mir sagen, ich hätte das Tanzen ja im Blut oder meinen helleren Hautton loben, geschieht das ohne böse Absicht. Und natürlich sind solche Sätze weniger verletzend als eine absichtliche, offen rassistische Beleidigung. Trotzdem vertiefen und verbreiten diese Personen damit Annahmen, die in einer rassistischen Tradition stehen. Sensibilisierung, also eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, kann helfen, internalisierte Rassismen in Zukunft rechtzeitig zu hinterfragen.

Anti-Schwarzer Rassismus liegt im Kolonialismus begründet. Ein Thema, das in deutschen Schulen höchstens am Rande zur Sprache kommt. Insbesondere die deutsche Kolonialzeit wurde kollektiv verdrängt und kaum aufgearbeitet. Heute gibt es Initiativen, das zu ändern. Und der Black History Month wird, wie in den USA, auch in Deutschland jedes Jahr im Februar begangen. Verschiedene Veranstaltungen erinnern in diesen Wochen an die Errungenschaften Schwarzer Menschen und ihren Kampf gegen Rassismus.

Um Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung zu legitimieren, wurden „Rassen“ konstruiert. Heute ist erwiesen, dass die genetischen Variationen zwischen sogenannten Ethnien zu klein sind, um von Rassen zu sprechen. Das Paradox: Obwohl es keine Menschenrassen gibt, müssen wir über Rassismus sprechen. Und damit auch über erfundene, aber dennoch gesellschaftlich wirksame Kategorien und soziale Zuweisungen. Wir müssen also endlich anfangen, uns Gedanken zu machen.

Mit der Nazi-Keule streicheln

Ich bin selbst rassistisch. Da ich in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen und sozialisiert bin, habe auch ich gängige Stereotypen und Schönheitsideale verinnerlicht. Ich verstehe Sensibilisierung als Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist und lerne jeden Tag dazu. Rassismus ist historisch gewachsen und institutionell verankert, er ist allgegenwärtig. Und wenn wir das ändern möchten, müssen wir bei uns selbst anfangen. 

Ich bin dankbar, wenn mich jemand darauf hinweist, dass ich diskriminierende Sprache benutze. Etwa, als würde mir etwas Abstoßendes im Gesicht hängen und keiner sagt etwas. Der Ton macht dabei die Musik. Oft wird der Hinweis auf rassistische Kommentare aber auch bei vorsichtigem Vorgehen als Nazi-Keule interpretiert. Deshalb bleibt leider oft Schweigen die einzige Möglichkeit, um den Frieden zu wahren.

Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich rassistisch bin.

Der Grund für die problematische Richtung solcher Gespräche ist die feste Überzeugung, man sei nicht rassistisch. Viele glauben, Rassismus gehöre der Vergangenheit an oder finde anderswo statt und habe auf keinen Fall etwas mit einem selbst zu tun. Die weiße amerikanische Diversity-Trainerin Robin DiAngelo macht in ihrem Buch „Wir müssen über Rassismus sprechen“ auf dieses Phänomen aufmerksam und nennt es „White Fragility“, zu Deutsch: „Weiße Zerbrechlichkeit“. 

Obwohl mir als Betroffene bewusst ist, wie Rassismus in meinem Umfeld wirkt, konnte ich auch bei mir selbst einen inneren Abwehrmechanismus beobachten: Ein impliziter Assoziationstest ergab, dass ich weiße Gesichter stark bevorzuge. Sowohl in der Kategorie „Color“ als auch „Race“ brauchte ich länger, um positive Begriffe Schwarzen Gesichtern zuzuordnen als weißen und umgekehrt. Ich wiederholte den Test immer wieder, weil ich es nicht wahrhaben wollte.

Trotzdem bin ich froh, ihn gemacht zu haben. Denn je bewusster wir uns unserer eigenen Vorurteile sind, desto besser können wir ihren Einfluss auf unser Handeln kontrollieren. Wenn wir uns wirklich gemeinsam auf den Weg machen wollen, müssen wir akzeptieren, dass die Welt nicht aus Opfern, Verbündeten und Rassisten besteht. Es ist vollkommen „normal“, manchmal rassistisch zu sein. Natürlich ist es das Ziel, diese Normalität abzuschaffen. Aber das erreichen wir nicht, indem wir sie einfach leugnen.

Hinschauen ist unbequem, aber entscheidend

Aus Angst, in eine Negativspirale zu geraten, schauen wir oft weg. Denn wer sich intensiv mit Rassismus auseinandersetzt, sieht ihn plötzlich überall: in der Werbung und im Fernsehen, bei der Arbeit und an der Universität, auf der Straße, im Freundeskreis. Und im eigenen Kopf. Das ist unbequem, mitunter schmerzhaft. Es ist ein schöner Gedanke, dass es möglich sei, Hautfarbe auszublenden und Rassismus so die Grundlage zu entziehen. Das wäre möglicherweise eine Strategie, wenn er nie existiert und unser Weltbild geprägt hätte. Tatsächlich ebnet diese Haltung Rassismus vielmehr den Weg. Denn wenn wir ihn nicht erkennen, können wir nicht widersprechen.

Daher ist die historische Auseinandersetzung so wichtig. Nur wer sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzt, versteht, wie sich koloniale Darstellungen und Prämissen in unseren gesellschaftlichen Strukturen festgesetzt haben und dass sie bis heute reproduziert werden. Grob gesagt steht nach der kolonialrassistischen Vorstellung Schwarzsein für den Körper und Weißsein für den Geist. Im christlichen Dualismus ist der Körper schwach und minderwertig. Er bleibt in der Finsternis, während der Geist für Reinheit steht und nach Transzendenz und Licht strebt.

Diese Vorstellung sitzt tief und hat bis heute Auswirkungen: wild, hypersexuell, faul – all diese und noch viel mehr Vorurteile gegenüber Schwarzen Menschen resultieren aus der kolonialrassistischen Perspektive. Das schlägt sich auch in einer einseitigen Darstellung in den Medien nieder. Selten werden intellektuelle, mathematisch begabte, forschende oder überhaupt Schwarze als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft gezeigt.

Wenn wir Rassismus nicht erkennen, können wir nicht widersprechen.

Die Reproduktion von kolonialrassistischen Zuschreibungen ist vor allem dann gefährlich, wenn sie Menschen in institutionellen Machtpositionen unreflektiert übernehmen: Es gibt Ärzt*innen, die glauben, Schwarze seien von Natur aus schmerzunempfindlicher, Polizist*innen, die glauben, Schwarze seien gewaltsamer oder Lehrer*innen, die glauben, Schwarze seien dümmer. 

Auch hinter Institutionen stehen Menschen. Funktionierende Beschwerdestrukturen sind wichtig, da nicht jeder bereit ist, dazuzulernen. Aber eine sensible Sprache zu etablieren, ist langfristig nachhaltiger und greift tiefer. Der Rassismusvorwurf wegen einer saloppen Bemerkung wie im Falle der umstrittenen WDR-Sendung mag angesichts offen rechtsextremer Verschwörungstheoretiker und AfD-Anhänger irritierend wirken. Viele Deutsche halten daher neue Sprachregelungen für übertrieben. Dabei vergessen die Vertreter*innen solcher Standpunkte aber, dass ein kollektives Umdenken statt schnellem Brandlöschen notwendig ist. In einer Gesellschaft, in der rassistisches Gedankengut sofort als solches enttarnt wird, haben Rechtsextremisten keine Chance.

Gemeinsam verändern

Es ist Zeit für eine tiefgreifende Veränderung. Seit George Floyd unter dem Knie eines Polizisten starb, hören mehr Leute zu. Viele Weiße haben Rassismus tatsächlich als Problem identifiziert, auch in Deutschland.

Nun liegt es an uns. Wir entscheiden, ob die kommende Transformation oberflächlich bleibt oder dem Problem an die Wurzel geht. Wenn jeder bei sich anfängt und sich sensibilisiert, gehen wir in die richtige Richtung und können diese individuelle Ebene irgendwann ausbauen. Dann sind wir auch bereit, Kritik von außen vielmehr als Wissensbereicherung statt als persönliche Kränkung zu betrachten und reagieren angemessen: entschuldigen, informieren und das Verhalten anpassen.

Ich wünsche mir eine Gesprächskultur, in der wir Rassismus als solchen erkennen und benennen dürfen. Gerade weil er schlimm ist. Denn nur wenn wir uns trauen hinzuschauen, werden wir ihn irgendwann los.


*Schwarz wird in diesem Artikel großgeschrieben, da es sich um eine politische Selbstbezeichnung handelt. Diese beschreibt keine „biologischen“ Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten, wie Der braune Mob.eV auf seiner Website erklärt.