Plötzlich konnte ich nicht mehr vom Schreibtisch aufstehen. Mein unterer Rücken war blockiert, ohne Kraft, ein einziger Schmerz. Ich musste die Arme auf die Tischplatte stützen und mich so hochziehen. Dabei hatte ich mich für fit gehalten!

Schließlich treibe ich seit Jahrzehnten viel Sport. Nie hatte ich Rückenschmerzen. Doch jetzt fühlte sich der untere Bereich meines Rückens wie Pudding an. Was nun? Eine Kräftigung der unteren Rückenmuskeln musste her, das war mir klar.

„So wird das nie was!“

Bei jedem Kurs, den ich fand, machte ich mit. Pilates, Busen-Beine-Po, Rückengymnastik, Fit ab 50, Fitnessstudio, Volkshochschule, hier eine Probestunde, da eine. Es war unglaublich, welche Unterschiede ich erlebte. Es gab Lehrer, die tatsächlich vor sich ein iPad aufstellten und es nutzten, um die Übungen den Kursteilnehmern zu erklären. Sie selbst nahmen nicht teil. Ein anderer ließ eine Teilnehmerin die Übungen vormachen und kritisierte sie harsch vor dem Publikum. „So wird das nie was.“ Auch nicht mit mir! Ich ging. So gemein muss man nicht sein.

Viel Ungemach erlebte ich, aber auch viel Angenehmes: In einem erschöpften Kurs ließ die Lehrerin jedem eine kleine Kopfmassage angedeihen. Viele andere sind Motivationsgenies. So erkannte ich, alle guten Lehrer strahlen besondere glückliche Freude aus.

Rundum ungelenk und ungeschickt

Meine erste Yoga-Stunde begann mit ähnlichen Übungen wie in den Rückenkursen. Aber als die Stunde vorbei war, hatte sich mein Leben verändert. Ob das bei den etwa 3,4 Millionen Deutschen, die regelmäßig diese Sportart praktizieren, auch so war? Wir alle liegen damit voll im Trend, immer mehr Deutsche sind dabei: Vor vier Jahren gab es hierzulande erst circa 2,6 Millionen Yogis, meldet der Berufsverband der Yogalehrenden Deutschland.

Dabei war es mir zunächst peinlich, mit den Handflächen aneinandergepresst dazusitzen und ein „Om“ zu tönen. Auch das Sitzen im Schneidersitz war ungewohnt, es schmerzte. Rundum ungelenk und ungeschickt fühlte ich mich.

Schrecken ergriff mich, als es hieß, in den „herabschauenden Hund“ zu gehen. Alle anderen wussten Bescheid. Nur ich bekam es nicht hin, zwischen Händen und Füßen den Rücken rund nach oben zu wölben. So fix war zu schnell. Beeindruckt beobachtete ich, wie sich die anderen Frauen und Männer bewegten. Wie schnell die Übungen aufeinanderfolgten. Zack, ging es nach dem Hund weiter. Zurück auf die Matte mit dem ganzen Körper, rein in die „Kobra“. So heißt es, wenn man auf dem Bauch liegend, abgestützt auf die angewinkelten Arme, den Oberkörper nach oben und hinten streckt.

Tiefe Konzentration für Seele und Körper

Wir reckten uns in weitaus komplizierteren Übungen als beim Rücken-Sport. Im Yoga heißen sie „Asanas“. Das stammt aus dem indischen Sanskrit und bedeutet „Stellungen“. Schon 3000 Jahre vor Christi Geburt haben Menschen angeblich Yoga praktiziert. Heute empfehlen es Ärzte zur Entspannung und Belebung, bei körperlichen Erkrankungen von Rückenverspannungen bis Migräne.

Schließlich machten wir die ersten Drehübungen. Während einer spürte ich, wie ich eine andere Wahrnehmung für meinen Körper bekam. Im Schneidersitz die Schultern zur linken Seite, mit dem rechten Arm rechts so weit wie möglich um den Rücken rumgreifen. Mit der linken Hand das rechte Knie umfassen und etwas rechts zur Seite drücken. Klingt kompliziert, das ist es am Anfang auch. Aber ich spürte eine Dehnung im Körper wie sonst noch nie in meinem Leben. Vollständig, eine tiefe Konzentration auf mich, Seele und Körper. Ein herrlich ausgeglichenes, gelassenes Gefühl.

Genauso geht es den anderen, belegen die Zahlen des Yogalehrer-Berufsverbandes: 86 Prozent der Übenden nahmen aufgrund ihrer Yoga-Praxis eine Veränderung bei sich wahr. 49 Prozent der Übenden erlebten sich dadurch entspannter, 46 Prozent fühlten sich körperlich fitter.

Die positive Resonanz führte in den vergangenen Jahren dazu, dass die Zahl der Yoga-Angebote explosionsartig zunahm. Auch in Berlin, wo Boris Sacharow 1937 – andere Quellen sagen 1939 – das deutschlandweit erste Yogastudio eröffnete. Woran erkennt man gute Yoga-Kurse, einen qualifizierten Lehrer? Jedes Yoga-Studio habe eine spürbare Atmosphäre, sagt Sabrina Schepmann, die 2015 ihre Yoga-Lehrer-Ausbildung abschloss und seither ein Studio (www.siayoga.de) am Schlachtensee betreibt.

„Fühlt man sich willkommen? Herrscht Sauberkeit? Helfen sich die Schüler gern beim Verteilen der Hilfsmittel? Wie ist die Stimmung? Angespannt und isoliert, warm und offen?“, diese Fragen sollte ein Schüler stellen, sagt die Yoga- und Meditationslehrerin. Der Lehrer sowie seine Praxis würden sich in der gesamten Atmosphäre offenbaren.

Bewusstes Atmen, richtiges Sitzen

„Im Kurs selbst sollte der Lehrer es schaffen, die Schüler durch getragene und präzise Anleitungen zu sich selbst und daraus in ihre eigene Weltoffenheit zurückzuführen“, sagt Sabrina Schepmann. „Beim Praktizieren von Yoga geht es nicht nur um uns, sondern darum, den inneren Raum wieder weit werden zu lassen. Konzentration ist wichtig, ebenso Genauigkeit und Wachheit. Aber diese erreicht man nicht durch übertriebene Strenge. Ein inspirierender Nährboden ist wichtig. Dieser vermag es, die Freiheit und Freude, die tief in uns verborgen ist, Atemzug für Atemzug wieder Wirklichkeit werden zu lassen.“

Bewusst zu atmen, das lernte ich bei ihr ebenfalls. Hauptsächlich durch die Nase, damit die Luft angewärmt wird und nicht kalt in die Lunge gelangt. Auch das richtige Sitzen ist wichtig. Vollkommen aufgerichtet kann die Energie im Körper besser fließen.

Das „Om“ am Ende der Stunde empfand ich inzwischen als angenehm für die Stimme. Wiederkommen wollte ich auf jeden Fall. Das war vor 18 Monaten. Seitdem gehe ich einmal in der Woche zum Yoga. Mit Vorfreude im Herzen. Manchmal sinniere ich, diese 75 Minuten seien die schönste Zeit der Woche.

Kein Fortschritt durch Härte

Und das, obwohl ich lange brauche, bis ich mich auf die Asanas konzentrieren kann. Trotz ständigen Versagens beim Handstand, trotz wackeligem Gefühl bei Asanas auf einem Bein, trotz Schmerzen in den Oberschenkeln. Dennoch, danach ist es beglückend. Denn der untere Rücken fühlt sich stärker denn je an. Anfangs war es schwer, sich so sehr zu verbiegen. Da hilft auch kein Zwang. Zu Fortschritt kommt man nicht durch Härte gegen sich selbst. Es genügt ein Minimum an Muskeleinsatz.

Was es leichter macht, ist die Stimmung im Raum und die sanfte Musik. Warme Decken schützen in der Entspannungsphase vor dem Auskühlen. Jede Stunde beende ich mit gestärkten Muskeln und wachem Geist.