Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie Wiedervereinigung. Das Märchen von den Böhsen Onkelz ist ein sehr deutsches: Heldensage, Horror, Tragikomik, Splatter. 2004 kündigen sie ihren Rückzug an, mit typischem Pathos: „Aber – seien wir ehrlich zu uns – das ist die logische Konsequenz aus allem. Aus den vergangenen 24 Jahren, aus dem Keller in Hösbach und der ausverkauften Festhalle in Frankfurt. Die Onkelz hatten nie die Ambition, als Rockeremiten mit ergrautem Haar auf dem Rockolymp anzukommen, sondern wenn mit vollem Elan und nicht schon auf dem absteigenden Ast sitzend.“

Zehn Jahre später sitzt die Frankfurter Hardrockband wieder auf dem aufsteigenden Ast. Im Juni spielen die Böhsen Onkelz am Hockenheimring zwei Reunion-Konzerte, 180.000 Tickets zu 66,50 Euro wurden in kürzester Zeit verkauft, 13 Millionen Euro Umsatz. Auch Kevin Russell, 50, wird dabei sein. Nach dem Knast hat der blonde Sänger der Böhsen Onkelz an Körpermasse und Haarpracht zugelegt und ist wieder bereit für seine Paraderollen: Luzifer, Vollbart-Walküre, Kinderschreck.

Im Gefängnis war Russell, weil er 2009 auf Kokain und Methadon mit 232 Stundenkilometern ein anderes Auto gerammt hatte. Dessen Insassen wurden lebensgefährlich verletzt, zwei junge Männer marokkanischer Herkunft, das konnte Russell nicht wissen, bei dem Tempo. Zügig verließ er den Unfallort und bekam zwei Jahre und drei Monate wegen Fahrerflucht. Seine Bandkollegen waren nicht begeistert: „Der Kevin, der dieser Tage auf der Anklagebank sitzt, ist nicht mehr der Kevin, mit dem wir gemeinsam all die Jahre durch dick und dünn gegangen sind“, so die Stellungnahme der Böhsen Onkelz.

Gebüßt und begriffen

Vier Jahre danach wird wieder gemeinsam durch dick und dünn gegangen. „Alle Tränen sind getrocknet, die Wunden geleckt“, verkündet Bandleader Stephan Weidner, 50. Kevin habe neuen Lebensmut gefasst. „Er hat gebüßt und begriffen, was er getan hat. Uns bietet sich die Chance, wieder stolz auf die Onkelz sein zu können.“

Zu lesen ist die grimmige Erklärung im Trutzburg-Jargon in der Bild-Zeitung, als Vorabdruck einer Titelgeschichte des Magazins Metal Hammer. Wenn das Zentralorgan des gesunden deutschen Volksempfindens einer deutschen Hardrockband eine Dreiviertelseite widmet, dann belegt das deren Stellenwert. Im gediegenen Feuilleton werden die Proll-Onkelz meist pikiert beschwiegen, dort lässt man lieber eloquente Pop-Linke zu Wort kommen, Bands wie Ja, Panik oder Tocotronic, die wiederum in Bild eher selten auftauchen.

Hier öffnet sich die Klassen-Schere: Massenphänomene wie die Böhsen Onkelz, die mit jedem Album die Spitze der Charts erreichen, tut die Pop-Kritik bevorzugt mit habituellen Distinktionsgesten ab: Unterschichtsfernsehen halt. Bild dagegen weiß, wer das Volk ist, und fragt: „Sind die Böhsen Onkelz noch gefährlich?“, ohne zu präzisieren, welche Gefahren von den vier Frankfurtern ausgehen könnten. Und liefert die Antwort gleich mit. „Die Band nicht mehr. Einige Fans schon eher. Ein Experte zu Bild: ,Die Band mag sich vom Rechtsextremismus distanziert haben. Ihr Publikum hat das in weiten Teilen sicher nicht getan. Die rechtsextreme Szene lebt von der Musik, die sie hört. Dazu gehören auch die Böhsen Onkelz.‘“

Triebökonomie des deutschen Losers

Interessanter als die Lügendetektor-Frage, wie glaubhaft sich die Band von ihrer „Deutschland-den-Deutschen-Türken-raus“-Vergangenheit distanziert hat, ist die Frage nach ihren Anhängern. Wer sind diese extrem loyalen Fans, die der Liebe zu ihren Idolen Ausdruck verleihen, indem sie das Band-Logo auf ihr liebstes Stück kleben, den tiefergelegten Audi, Opel, Volkswagen? Artikulieren die Onkelz die Befindlichkeiten derer, die angeblich nie gelernt haben, sich „arti-zu-kulieren“? Das behaupten jedenfalls Die Ärzte in ihrem Song „Schrei nach Liebe“ aus dem Jahr 1993, einem Psychogramm des minderbemittelten Eingeborenen, dessen diffuser Hass auf „die da oben“ sich gut verträgt mit einem konkreteren Hass auf das als anders Markierte: Ausländer, Neger, Schwule, Juden. Der Ärzte-Song gewährt auch Einblicke in die Triebökonomie des deutschen Losers: „Zwischen Störkraft und den Onkelz steht ’ne Kuschelrock-LP.“

Im Unterschied zu Störkraft sind die Böhsen Onkelz keine Naziband. Sie repräsentieren vielmehr eine nicht unerhebliche Minderheit am unteren Rand der Gesellschaft, die habituell Erniedrigten und Beleidigten mit deutschem Stammbaum. Denen spricht Stephan Weidner aus der Seele, wenn er sagt: „Es gibt 99 Prozent Arschlöcher auf der Welt.“ Der vielzitierte Spruch aus dem Bilderbuch des autoritären Charakters ist die ideologische Grundlage für den heroischen Kampf des einen Prozents gegen den Arschlochrest, für die unverbrüchliche Blutsbruderschaft zwischen den Onkelz und ihren Fans, die von der Band immer wieder beschworen wird, so auf ihrer Homepage im Jahr 2000: „Wir wünschen uns, daß Ihr uns dabei helft, und wir allen zeigen können, daß die Onkelz, ihre Neffen und Nichten jederzeit und spontan etwas bewegen können. Wir gemeinsam sind etwas nie Dagewesenes und immer in der Lage, denjenigen, die unsere Hilfe benötigen, zu zeigen, was es heißt, dem ,Way of Life‘ Onkelz anzugehören.“

Dieser identitätsstiftende Way of Life fußt auf zwei ideologischen Evergreens, die sich bestens mit dem sozialdarwinistischen Pathos der Onkelz vertragen: auf Margaret Thatchers neoliberalem Credo „There is no such thing as society“ – „so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht“, also verlass dich nicht auf Staat oder Gewerkschaft, hilf dir selbst – und der von Heraklit anverwandelten Ansicht, dass der Kampf der Vater aller Dinge ist. Kein Klassenkampf alter Schule, nein, Onkelz gegen 99 Prozent. Oder Onkelz gegen „ausländische Jugend-Gangs“, wie damals in den Frankfurter Problemvierteln. Oder Onkelz gegen Linke, wie damals auf dem Frankfurter Flohmarkt. Die Linken hätten den Punk kaputtgemacht, hat Weidner häufig erklärt, also mussten die jungen Onkelz, die original punks, zu Skinheads mutieren, und wenn schon, dann zu rechten Skinheads.

Wut des Zukurzgekommenen

Wie gut sich dieser Habitus mit dem Way of Life einer spezifisch deutschen Spielart von Gangsta-HipHop verträgt, darauf wies neulich der Spiegel hin, in einem Porträt des populärsten Vertreters der Gattung: „Bushido möchte den Gegner am Boden haben. Um dann noch mal zuzutreten. Seine Songs leben von dem Gefühl, verfolgt zu werden, von der Wut des Zukurzgekommenen. Es ist Musik für Underdogs, die den Mainstream hassen. Seit den Böhsen Onkelz gab es das nicht mehr in dieser Perfektion.“

Dass die Böhsen Onkelz wie Bushido mit ihrer Hate Poetry durchaus jenes eine Prozent der Gesellschaft erreichen, das belegen Verkaufszahlen und Boulevardpräsenz. Damit sind sie Teil des verhassten Mainstreams. Dass es sich dabei um einen anderen Mainstream handelt als jenen, der solche Underdog-Phänomene gar nicht erst ignorieren will, das ist konstitutiv für den Erfolg der Banalität des Böhsen.