"Wiener Aktionisten" auf der Volksbühne: Bis die Polizei kam

Die Irrsinnigen“ von damals, tot oder lebendig, machen ein paar Abende lang Theater. Volksbühnen-Theater. Wiener Aktionisten-Theater, Körperkunst-Theater. Seit Wochenende liefern die porös und grau-gilb gewordenen Filme der berühmt-berüchtigten Wiener Aktionisten das flimmrige Bühnenbild. Darunter, bei minimalem Lämpchenlicht, lesen Schauspieler aus den Texten der Aktionisten und deren Apologeten – oder aus Wutbriefen empörter Wiener Bürger und aus Polizeiakten. Kunst als Tabubruch, Kunst als Protest.

Was haben uns diese Obszönes, Schein-Gewalttätiges aufführenden alten Rebellen noch zu sagen, derweil man sich, um am Sonnabend zur Volksbühne zu gelangen, durch die, wovon auch immer, aufgeputschten Jungmassen der rumsenden Fuck-Parade-Demo in Mitte kämpfen muss? Anbrandende Körpermassen, hochgerissene Arme, zuckend tanzend im Wummern der monotonen Techno-Bässe.

Auch das Revolte? Aber wofür und wogegen? Das blieb, obwohl etliche Raver befragt, diffus. Sie sind eher für und gegen alles und jedes. Oder wollen nur den Kick. Wie radikal klar erscheinen einem da die alten scheinchaotischen Wiener Aktionisten, die längst Kunstgeschichte sind. Die, wie es über sie heißt, mit aller Tabulosigkeit und Krassheit gegen die „repressiven gesellschaftlichen Zustände“ um 1960, gegen das österreichische Befindlichkeitskonglomerat von k.-und-k.-Erbe, Austria-Faschismus, Spießbürgertum, Doppelmoral und Konsumwahn waren und diese Verachtung und Wut bei ihren exzessiven Aktionen – der Begriff Performance war noch nicht etabliert – gehörig auslebten.

Zerreißprobe mit pornografischen Symbolhandlungen

Als Zerreißproben-Revolte der Kunst mit dem nackten Körper mit viel Farbe, pornografischen Symbolhandlungen, Kreuzigungen mit Schweineblut oder echtem eigenen durch Selbstverstümmelung mit Draht, Scheren, Rasierklingen, verschmierten Lebensmitteln und Körpersäften (alias Marmelade und Schokoladenpudding). So lange, bis die Polizei kam. Was davon blieb, sind alte Filme, Schriften. Und eben kunsttheoretische Podien.

Ach, wie steril nunmehr, möchte man meinen. Aber die schamlose Körper-Aktionskunst kam so in die Welt, weswegen die Wiener Aktionen an kommenden Volksbühnen-Abenden von anderen Vertretern der Profession wie den obsessiven Paul McCarthy aus den USA abgelöst werden. Bei den Wienern überwog, neben dem sprichwörtlichen Schmäh, der Symbolismus, und der ist ja nun sehr Wienerisch seit Klimt & Co.

Aber das Quartett Infernale, das dem österreichischen Nachkriegskapitalismus den Kampf angesagt hatte, gibt es nicht mehr: Rudolf Schwarzkogler und Otto Muehl, der spätere Sekten-Unhold, sind tot, Hermann Nitsch, der munter weitermacht mit seinen Orgien-Mysterien-Prozessionen, ist nicht gekommen.

Aber Günter Brus, 77, ist wieder mal in Berlin, sitzt vorn im Parkett und schaut sich gelassen an, was er damals, 1960 bis 1970, in der Hoch-Zeit des Aktionismus, mit seinem Körper veranstaltet hat und was ihm die Verurteilung als „Perverser“ und Staatsfeind brachte. Dabei, verrät er, sei alles präzise kalkuliert gewesen, jeder Blutstropfen, jeder Urinbecher. Intuitiv passiere bei ihm nur seine heutige abstrakt-expressive Zeichenkunst.

Es bleibt einem während der Filme die Spucke weg, wie er sich, selbst malträtiert, bis das Blut als akkurate rote Linie vom Hinterkopf bis zur Ferse rinnt, als habe da ein Minimalist gezeichnet. Oder wie er sich bald als Marsayas, bald als Christus oder als gefolterter KZ-Häftling opfert. Und im Dauerschleifen-Film vor den Augen eines – Wein schlürfenden – Publikums den eigenen Urin goutiert und schreiend auskotzt. Dantes Unterwelt, Boschs Hölle, Holocaust. Als Klangkulisse Beethovens Eroica.