Zu den sommerausläutenden Bräuchen des deutschsprachigen Theaterbetriebes gehört die Veröffentlichung der Kritikerumfrageergebnisse im Jahrbuch von Theater heute. Der Zuschauer, soeben aus dem Bade-See, aber noch nicht wieder in die Abendgarderobe gestiegen, bekommt hier Gelegenheit, sich noch einmal auf die vergangene Saison zu besinnen, bevor er sich in die nächste stürzt. 42 „unbestechliche“ (Theater heute) Kritiker, darunter auch zwei von der Berliner Zeitung, haben noch vor der Sommerpause abgestimmt und entschlossenes Stillschweigen bewahrt. Die Voten sind nun von den Notaren ausgezählt.

"Das gab es noch nie!"

Drei statistische Sensationen sind zu vermelden. Das Wiener Burgtheater hat es innerhalb einer Saison vom „Ärgernis des Jahres“ zum „Theater des Jahres“ geschafft. Dafür reichten sechs Stimmen. Recht haben die Kollegen; die nach dem fortgejagten Matthias Hartmann eingesprungene Intendantin Karin Bergmann hat nicht nur den finanziell quasiruinierten Burgtheaterbetrieb am Laufen gehalten, was schon eine Wundertat für sich wäre.

An ihrem Hause kam immerhin auch das „Stück des Jahres“, Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ (sensationelle 27 Stimmen, absolute Mehrheit!), mit Stefanie Reinsperger zur Uraufführung. Und Reinsperger, Sensation Nummero drei, wurde nicht nur „Schauspielerin des Jahres“, sondern gleich auch noch „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“. Theater heute jubelt: „Das gab es noch nie!“

Schön. Und jetzt wird’s langsam langweilig: Von Dusan David Parizek stammen sowohl die „Inszenierung des Jahres“ als auch das „Bühnenbild des Jahres“, beides für, erraten, schon wieder „Die lächerliche Finsternis“. In der Bühnenbildkategorie liegt Parizek allerdings gleichauf mit Katrin Nottrodt und Aleksandar Denic (je vier Stimmen).

Widersprüchliche Aspekte

Immerhin tritt ausnahmsweise der „Schauspieler des Jahres“ nicht in „Die lächerliche Finsternis“ auf, was daran liegen könnte, dass Parizek nur Frauen besetzt hat. Stattdessen wurde Samuel Finzi erkoren für seinen Wladimir in „Warten auf Godot“, ein postumes Dimiter-Gotscheff-Echo, inszeniert von Ivan Panteleev.

Auch als gedankenstützender Service für Kritikerkollegen ist die Umfrage nützlich. Falls man vergessen hat, worüber man sich vor dem Sommer noch maßlos geärgert hat, braucht man es nur nachzulesen und kann sich genau an dieser Stelle weiterärgern. Für die meisten waren das sehr widersprüchliche Aspekte des von der Berliner Kulturpolitik eingerührten Leitungswechsels an der Volksbühne.

Einhellige Ärgernis-Einigkeit dürfte im heterogenen Kollegium der individuellen Subjektivisten nur darüber herrschen: dass die Sommer offenbar jedes Jahr früher ausgeläutet werden!