Berliner Winter: Missmutige Menschen und ein Wetter wie Haferschleim

Unsere Kolumnistin hat nirgendwo schönere Winter erlebt als in Wien. Viel Sonne, kaum Regen. Ganz anders als in Berlin.

Unsere Kolumnistin Eva Biringer.
Unsere Kolumnistin Eva Biringer.Florian Reimann

Lassen Sie uns übers Wetter reden. Es ist der 18. Januar, kurz vor neun Uhr morgens. Von meinem Schreibtisch aus geht der Blick auf einen buttercremefarbenen Himmel, an den Rändern franst er in ein blasses Milka-Lila aus. Draußen hat es drei Grad. Finden Sie den Fehler? Stimmt, hier in Wien heißt es Jänner, darauf hat sich interessanterweise seit einiger Zeit mein Telefon automatisch umgestellt, wieder ein Stück weiter im Assimilationsprozess. Die Wetterkritik im heutigen Falter-Newsletter lautet wie folgt: „So wie gestern, und damit unbefriedigend (ein bisserl sonnig, ein bisserl wolkig, ein bisserl nass und ein bisserl warm).“

Ein bisserl sonnig, ein bisserl wolkig, ein bisserl nass und ein bisserl warm

Der Falter ist Wiens linkes Stadtmagazin, das Konzert- und Literaturtipps mit Kohlsprossen-Curry-Rezepten und knallharten Recherchen verbindet. Ein Typ namens Klaus Nüchtern schreibt über Vogelbeobachtung. Abgesehen davon ist im täglichen Newsletter aber auch Platz für Meldungen, wie ich sie eher von meinem Provinzmedium Zollern Alb Kurier kenne: Bimlinie 43 mit rund 40 Minuten Verspätung unterwegs! Karl-Lueger-Standbild doch nicht gecancelt! Endlich wird mit dem Ausbau des Radstreifens auf der Krottenbachstraße begonnen! Kommt das autofreie Albert-Grätzel? Und eben die Wetterkritik, etwas, zu dem sich meines Wissens nach kein großes deutsches Medium herablässt. Dabei ist Wetter so wichtig! Oh, wow, jetzt geht es vor dem Fenster gerade in Richtung Yves-Klein-Blau. Der Wiener Himmel ist meine persönliche Pantone-Farbe.

Ehrlich gesagt ist das Wetter mit ein Grund, warum ich hier so viel Zeit verbringe. Nie habe ich angenehmere Winter erlebt. Einerseits liegt das daran, dass die schlagobersweißen Fassaden das Licht reflektieren, ähnlich wie in Paris. Andererseits daran, dass es hier diese norddeutsch-typischen Haferschleimtage nicht gibt. Es regnet zwischen Oktober und März so gut wie nie. Als ich kurz vor Silvester in Berlin ankam, wollte ich eigentlich sofort wieder weg: eiskalter Nieselregen, tagelang. Das sage ich allen, die in Wien übers Wetter schimpfen.

Bezeichnenderweise hat die Falter-Wetter-Instanz eigentlich immer etwas zu meckern. Für Sie habe ich mir die Mühe gemacht, einige Wochen lang das Best-of zu versammeln. Irgendwann im wirklich fantastischen Sommer: „Es gibt zwei Lager unter den Wetterkritikern: Die einen freuen sich über Sonnenschein, die anderen über einen bewölkten Himmel. Und heute will es das Wetter allen recht machen. Mit maximal 27 Grad wird es nicht zu warm und nicht zu kalt. Damit dürfte nun auch niemand zufrieden sein.“ Vergangenen November: „Nachdem unsere gestrige Streikdrohung gegen den Nebel nichts gebracht hat, überlegen wir Kampfmaßnahmen.“ (Nebel gibt es doch nur am Bodensee?) Anfang des Jahres: „Das Schlechteste aus zwei Jahreszeiten: Der Winter spendiert seinen grauen, bewölkten Himmel und der Frühling seine warmen Temperaturen (bis zu 9 Grad!).“

Wiener Wetter: Elf Grad braucht im Jänner wirklich niemand

Einige Tage später: „Mild und sonnig bei bis zu 11 Grad. Nichts für ungut, aber das braucht mitten im Jänner wirklich niemand.“ (Wenn etwas niemand braucht, ist es eiskalter Nieselregen.) Und dann die ganz und gar unglaubliche Diagnose: „Der Winter in Wien ist ziemlich trostlos.“ Hoffentlich liest der Winter nicht mit. Im Ernst, liebe Falter-Redaktion, ich empfehle, zur allgemeinen Erbauung einen zeitnahen Betriebsausflug in die deutsche Haferschleimhauptstadt. Machen Sie sich auf eine den ganzen Vormittag andauernde Dunkelheit gefasst, die um die Mittagszeit möglicherweise zaghafte Anzeichen des Verschwindens an den Tag legt, nur um sich am frühen Nachmittag endgültig geschlagen zu geben. Packen Sie um Himmels Willen Ihren Schirm ein. Und machen Sie sich auch in zwischenmenschlicher Sicht auf was gefasst. Sie werden die Berlinerinnen und Berliner als ausgesprochen missmutig erleben, was allerdings nicht am Wetter liegt.

Kurz vor zehn Uhr. Jetzt kommt an meinem Wiener Januarhimmel gerade die Sonne raus. Nass wird es den ganzen Tag über nicht sein, nicht mal ein bisserl.