Sagas, Legenden, sensationelle archäologische Funde: Wir werden all das alles ab 10. September im Berliner Gropius-Bau erleben. Eine große Wikinger-Schau erzählt uns dann von den gefürchteten Kriegern aus dem Norden, ihren Eroberungen, ihrem Schiffsbau, ihren Kontakten, ihrer Kunst und Alltagskultur im 9. bis ins 12. Jahrhundert.

Wir konnten vorab ein wenig die rätselhaften Spuren der Nordmänner zu lesen versuchen – im Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen. Und im Vikingeskibsmuseet am Roskilde-Fjord. Zwei der dortigen „Liegeplätze“ sind leer. Nacheinander verließen zwei imposante Wikingerschiffe ihre Heimathäfen, liefen (per Container) aus nach Berlin. Im Nationalmuseum, gegenüber von Christiansborg, und im 30 Kilometer entfernten Roskilde verschmerzt man den Trip der flachen einmastigen Boote „Roskilde 6“ (ein imposantes Wrack) und des rekonstruierten „Seehengstes von Glandalough“ gern. Letzterer wird im September 14 Tage lang auf der Spree Passagiere an Bord nehmen. Die müssen aber selber rudern.

Der Wikinger-Überfall auf Berlin wird durch und durch friedlich sein, sozusagen ein Paradebeispiel für Museums-Kooperation und kulturelle Völkerverständigung – gut neun Jahrhunderte nachdem die letzten kriegerischen, heidnischen Exemplare – freiwillig oder auch nicht – zu Christen wurden.

Was Eroberungen, Alltag, Kultur der Wikinger ausmachte, lagert heute als kostbare Artefakte auf Gerüsten, in Gold, Silber, Bernstein und Eisen in alarmgesicherten Museumsvitrinen. Andererseits spukt die Spezies durch die Klischeewelt der Comics, Computerspiele und Action-Filme – im Oktober kommt „Northmen-A Viking Saga“ in die Kinos.

Am Roskilde-Fjord indes lösen sich die Klischees so rasch auf wie die Mittsommerwolken überm Wasser. Im als riesiges Bootshaus mit gelegentlich wellenbestürmter Glasfront erbauten Vikingeskibsmuseet liegen, auf einem Bett aus vom Meer rundgeschliffenen Steinen, fünf imposante Wracks: Ein langes und ein kürzeres Kriegsschiff, zwei Frachtschiffe und ein Boot, mit dem Bauern samt Gesinde zum Markt oder Thing (altnordische Volksversammlung) ruderten und segelten.

1962 bargen Archäologen die markanten Funde aus dem Grund des Fjords. Jetzt werden die Wracks – vorbildlich kosmopolitisch – auf kleinen Tafeln in Dänisch, Englisch, Deutsch, Französisch erklärt. Die vielen Schulklassen im Museum nutzen das Angebot, Heerscharen von Kindergartenkindern toben in historischer Wikingerkleidung vom Bug zum Heck eines „Spielschiffs“.

Unten, an der Anlegestelle, erklärt uns der Museums-„Skipper“ dann geduldig die Bedienung eines Wikingerbootes, denn auf der museumseigenen Bootswerft – mit allen Gewerken, die auch für Workshops offen sind – entstehen seetüchtige Nachbauten der uralten Schiffe. Nach wie vor nimmt man frisches Eichenholz. Gezimmert wird mit Äxten, Hobeln, Profileisen, Löffelbohrern, Hämmern – und Kupfernägeln, die am Ort geschmiedet werden. So entstand auch der demnächst Berlins Spree beschwimmende „Seehengst von Glandalough“ neu. Das 30 Meter lange Original von anno 1043 wurde als Wrack vor der irischen Küste gefunden und 2004 rekonstruiert. Seither sprechen Fachleute vom „ehrgeizigsten Wikingerschiffsprojekt der Welt“. 2007 – das sieht man im Filmraum – segelten tollkühne Forscher wochenlang bei Seegang bis Dublin: ohne Bett, Bordküche, Klo. Ausrüstung, Proviant, Wasser mussten – wie dereinst– im winzigen Stauraum unter den Planken der schmalen Sitze unterkommen.

Unsere eichenhölzerne Mutprobe ist viel kleiner. Trotzdem dürfen wir nur mit Schwimmwesten rauf. Zwölf Leute hangeln sich auf die schmalen, harten Ruderbänke. Wie bloß konnten die Wikinger darauf Wochen und Monate lang sitzen? Im derben Segeltuch (die Wikinger benutzten auch mit Holzteer getränkte Wollsegel) findet sich keine einzige Metall-Öse, die Löcher für die Seile aus Hanf, Rosshaar, Wolle und Lindenbast sind mit derben Stichen gesäumt. Handarbeit, wie zur Wikingerzeit.

Wir stümpern uns, nach den Kommandos des nachsichtig lächelnden Museums-Skippers, langsam aus dem Hafen hinaus. Dauernd knallen die langstieligen Ruderblätter zusammen, statt im perfekten Rhythmus flink ins Wasser zu tauchen. Irgendwann sind wir „draußen“, können das Rahsegel setzen. Der Wind bläht es – und auf einmal gleiten wir möwengleich über den Fjord. Jetzt darf die Fantasie Kapriolen schlagen. Eine real-illusorische Stunde lang.

Natürlich stoßen wir auch in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen auf die Spuren der Wikinger. Das Nationalmuseum lädt zum „Viking-Weekend“. Was das Haus über die Ära zu bieten hat, ist weit mehr als jene Schätze, die längst für Berlin verpackt wurden. Im Museums-Foyer verbreiten Runensteine Magie. Benannt sind sie nach Fundorten: Sønder/Kirkeby, Vordingborg, Tirsted, Glenstrup. Die Installation wird zum heidnischen Heiligtum, in dem der gefürchtete Thor oder auch die „Nornen“, Schicksalgöttinnen der Wikinger, spiritistisch-philosophisch zu herrschen scheinen: Urd, die Vergangenheit, Verdandi, die Gegenwart, Skuld, die Zukunft.

Dann, in den Vitrinen und Aufbauten, wird deutlich, was auch die bevorstehende Schau in Berlin zur These macht: Die Wikinger lenken den Blick darauf, wie sehr doch das Verbindende zwischen Kulturen das Wasser ist. Die flachen, offenen Schiffe taugten fürs Meer und genauso für die Flüsse. Die brachten sie gen Westen über den Atlantik bis Nordamerika und im Osten und Süden bis Bagdad und Konstantinopel, trugen die orientalischen Einflüsse zurück in den frühzeitlichen Norden.

Die Wikinger raubten und plünderten, aber sie waren auch Geschäftsleute, legten Handelsrouten an und übernahmen Bauleistungen der Orientalen. Rekonstruierte Verteidigungsanlagen belegen es. Die Wikinger waren unberechenbar und grausam. Aber, das beweisen neue Forschungen: Sie verfügten über ein straff organisiertes Staatswesen: König, Adel, Bauern, Handwerker, Schiffer, Fischer. Wikinger zu sein, war fast so etwas wie eine Profession. Nicht zuletzt für den Transfer von Kultur in Form von Schmuck, Waffen, Arbeitsgeräten. Und allem voran: bereits interkontinentalen Schiffen.