Ein dickes Buch von Suhrkamp, auf dem Umschlag ein Schwarz-Weiß-Foto in mäßiger Qualität, auf den ersten Blick; auf den zweiten: ein Mann, mit einem Hut, das Gesicht verschattet, auf einem Abrisshaufen, kaputte Ziegel, Schotter, im Hintergrund Baracken. Ich nahm es eher achtlos in die Hand, zugleich irritiert.

Beim schnellen Durchblättern, hinten viele Fotos, die man eher auf Hochglanz oder wenigstens Bilderdruckpapier erwarten würde, Fotos von Menschen aus aller Welt. Ich kannte diesen Autor nicht, wusste gar nichts, fing irgendwo zu lesen an, ist das Literatur oder was, Sachbuch? Und dann Sätze wie dieser, über die Gesichter alter, faltiger Männer in Afghanistan: „Ihr Anblick ist mir so lieb wie jener des Flusses, der über den Steinen glitzert und sich immer tiefer in sein breites Bett hineinfrisst, der im Geröll grasenden Schafe, der üppigen Gräser auf den Inseln im Fluss.“

Oder über Arbeiterinnen auf den Reisfeldern in Vietnam: „Oh diese Frauen mit Kegelhüten, die Gesichter hinter weißen oder dunklen Schleiern verborgen; und es regnet in Strömen auf ihre gebeugten Rücken; natürlich führen sie ein normales Leben mit Hautpilz in den Achselhöhlen und anderen Parasiten an den Füßen.“

Mit Beschreibungswut

Es ist ein Irrer, der das hier aufschreibt, ein Maniac, William T. Vollmann, der durch die ganze Welt gereist ist, zu den Ärmsten der Armen, mit der Beschreibungswut und dem Sprachvermögen eines großen Dichters, und der alles tut, nur eines nicht, sich selber außen vor zu lassen: „In mir birst der Schrecken wie einer der großen spitzen Blöcke grün überwachsenden Sandsteins.“

Ob Vietnam, Jemen, Kambodscha, USA, Kolumbien, Russland, Japan: Über mehrere Jahrzehnte war er überall dort, wo die Menschen gar nichts haben, von der Hand in den Mund leben, betteln, in Plastikplanen leben oder einer von Schwefel vergifteten Erdölförderstadt in Kasachstan. Allen legte er die Fragen vor: Warum, denkst du, gibt es Arme und Reiche auf der Welt? Warum bist du arm?

Er gab den Leuten Geld dafür, dass sie ihm antworteten, er bezahlte Dolmetscherinnen, er schrieb auf, wo und wie er sie antraf, und ordnete seine Phänomenologie der Armut auf eigenwillige Weise: Unsichtbarkeit, Missbildung, Unerwünschtsein, Selbstbeschreibungen, Wahlmöglichkeiten, Hoffnungen. Ob schlechtes Karma, eigene Schuld, das Fehlen von Arbeit, die Umstände, Allahs Wille, die eigene Unfähigkeit, das eigene Gesicht – er wertet nicht, fragt weiter, beschreibt „die dicken, knotigen Finger aufgespreizt, auf dem Boden abgestützt wie Luftwurzeln“, die kargen Zimmer, die stinkenden Behausungen, die kaputten Randzonen der Städte, in die die zuerst obdachlos gemachten Menschen abgeschoben werden, wie in Kyoto, damit die Reichen sie nicht sehen müssen. Warum eigentlich? Manchmal wird Vollmann sarkastisch, und einmal meint er: „dass mein Begriffsvermögen hier eigentlich versehrt war“.

„Allah gibt und Er nimmt.“ 

Er zitiert den Armutsbericht der Uno, die „Große Sowjetische Enzyklopädie“, Ovid im Exil, Montaigne, Thoreau, Céline, das berühmte Buch „Preisen will ich die großen Männer“ von Walker Evans und James Agee, Turgenjew, Schriftsteller, die Zeugnis ablegten wie er, John Steinbecks „Früchte des Zorn“. Er ist selber zornig, er schämt sich, dass er als Reicher über die Armut nachdenkt, dass er Angst hat, wenn ihm Obdachlose an sein Haus kacken, er muss alles fühlen, sehen, riechen, was ihm die Menschen mit-teilen, und – er teilt es. Die Gesten, die Geschichten, der Reichtum der Lebensäußerungen. Am Ende ist sein verrücktes Buch das vielfältigste Zeugnis dafür, was den Menschen ausmacht, was mir in den letzten Jahren in die Hände gefallen ist.

Vollmann sieht die Brutalität genauso wie die kulturelle Leistung, die in der Bewältigung eines armen Lebens steckt. Der schwitzende Thunfischverkäufer in Jemen, die hoffnungslose Russin Natalia, die trinkende Sunee in Thailand, der Comic lesende Bettler in Japan. „Die Frage steht uns nicht an, Allah gibt und Er nimmt.“ Es gibt immer jemanden, der ärmer ist als man selbst, Armut ist nicht so schlimm, wenn viele es auch sind, wenn sie „normal“ ist. Manche könnten besser leben, ohne den „Fortschritt“, der ihnen die Existenzgrundlage raubt wie hier die Deutsche Bahn den vietnamesischen Blumenhändlern ihre Lädchen in den S-Bahnhöfen. „Das Geld geht, wohin es will.“ Und wir?

Gegen den Markt

Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt laut Uno in Armut, nach anderen Erhebungen sind es 80 Prozent, die an der Grenze zum Hunger leben oder jenseits davon. William T. Vollmann ist bekanntgeworden durch seinen Dreitausendseiten-Roman „Europe Central“. Seine Fotografien fassen die Menschen mit einer großen Liebenswürdigkeit, sie fangen ein Lächeln ein, Traurigkeit, Leben, egal, wie versehrt die Menschen sind, wie abgerissen oder zahnlos; die Fotos sind das Gegenteil von „clean“, sie machen keinen Sozialkitsch aus der Armut, und deshalb ist es gut, dass sie auf dem billigen (sorry) Papier gedruckt sind. In einem Glossar definiert er, was er arm nennt, und er setzt gegen den Markt, der den Wert aller Dinge nach deren vermeintlichem Geldwert bemisst, das Wort „Gemeinschaft: Ein Traum. Manchmal wissen wir erst, dass wir sie hatten, wenn wir erwachen.“

Tanja Langer ist eine deutsche Essayistin und Schriftstellerin.