Die Kunst der Screwballkomödie ist der eines Jongleurs nicht unähnlich: All die Bälle, die man in die Luft geworfen hat, müssen irgendwie in Bewegung gehalten werden. All die Lügen, Schwindeleien, Verwechslungen und Irrwege, die in einem Roman wie „Willkommen auf Skios“ initiiert werden, bringen umgehend neue Handlungskomplikationen mit sich.

Wenn man damit so spielerisch und souverän umgehen kann wie der mittlerweile beinahe achtzigjährige Brite Michael Frayn, ist das Ergebnis ein Mordsspaß im echten Wortsinn. Denn Lösen kann man ein Kuddelmuddel wie das, das Frayn hier anrichtet, nur auf zweierlei Weise – durch ein Happy End oder einen großen Knall.

Zwei Menschen kommen im selben Flugzeug auf der (fiktiven) griechischen Ferieninsel Skios an: Der amerikanische Wissenschaftler Norman Wilfried, ein akademischer Profi, dessen Forschungsgebiet die Finanzierung von Forschung ist, wie er einmal erklärt. Und Oliver Fox, ein junger, gut aussehender Tunichtgut, der sich vor Ort zu einem heimlichen Rendezvous verabredet hat.

Wilfried soll auf Skios auf Einladung einer ominösen amerikanischen Stiftung vor einem Jet Set-Publikum einen (bereits dutzendfach erprobten) Vortrag halten. Am Flughafen hat Oliver Fox eine Spontaneingebung: So schön ist Nikki, die junge Dame von der Stiftung, die Dr. Wilfried abholen soll, dass er einfach lächeln muss. So strahlend ist der Auftritt von Oliver Fox, dass Nikki ganz einfach glauben will, dass es sich bei ihm um Dr. Wilfried handelt. Man verständigt sich ohne Worte: Oliver Fox landet in der noblen Gästevilla der Stiftung; Dr. Wilfried auf Umwegen dort, wo er niemals hinwollte.

Bissige Satire auf den Selbstvermarktungstrieb

Aus diesem simplen Rollentausch schlägt Michael Frayn prächtige Pointen. Vor allem aber ist „Willkommen auf Skios“ eine höchst bissige Satire auf einen Wissenschaftsbetrieb, in dem die Selbstvermarktung wichtiger ist als intellektuelles Profil oder Potential. Denn Oliver Fox alias Dr. Wilfried hält sein reiches halbgebildetes Stiftungspublikum, das nur allzu begierig ist, sich von der vermeintlichen Koryphäe blenden zu lassen, mit kryptischen Ausführungen und albernen Vorführungen in dem Glauben, einem Genie zuzuhören. Man hat sofort all die so erfolgreichen Glückssucher und Motivationsprediger vor dem inneren Auge, die mit Hilfe eines Stapels von Kaffeetassen ein Lebenserfolgsgeheimnis zusammenbasteln. Unterdessen durchläuft der echte Dr. Wilfried eine Odyssee, an dessen Ende er beweisen muss, wer er tatsächlich ist.

Denn darum geht es hauptsächlich in Michael Frayns blendender Sommerkomödie – um Schein und Sein. Nichts ist auf Skios so, wie es auf den ersten Blick scheint, und auch die erhabene Toppler-Stiftung ist in Wahrheit nichts Anderes als eine riesige... nein, das darf man natürlich keinesfalls verraten.

Ach ja, Griechenland, war da nicht etwas? Finanzkrise? Euro-Crash? Von alldem glücklicherweise kein Wort in diesem Roman. Dass Frayn ihn ausgerechnet in Griechenland angesiedelt hat, mag vielleicht kein purer Zufall sein. Doch selbstverständlich ist die Korrumpierbarkeit und Manipulierbarkeit von Menschen im Großen wie im Kleinen, die Frayn auf so herrliche Weise vorführt, kein länderspezifisches Phänomen. Skios ist überall.

Michael Frayn liest (mit Felix von Manteuffel und Anna Leube) aus seinem neuen Roman am Mittwoch, 29. August, 20 Uhr, in der Fürst & Iven Autorenbuchhandlung, Else-Ury-Bogen 599-601, Eintritt 8 Euro.