Politiker und Filmproduzenten wissen längst, dass in der Provinz das wahre Herz Frankreichs schlägt. Aber jeder Pariser, der etwas auf sich hält, wird dort erst einmal einen Hinterhalt vermuten. Die adrette Personalmanagerin Catherine jedenfalls begibt sich auf fremdes, heikles Terrain, als sie ihre neue Stelle in der Bretagne antritt. Schon nach der ersten Begegnung mit einem Einheimischen hätte sie gewarnt sein müssen. Der Taxifahrer am Flughafen belehrt sie mürrisch, dass das „x“ in ihrem Zielort Carhaix stumm bleibt. Und auf ihre bange Frage, ob es hier denn viel regne, kontert er entnervt: „Nur auf die Idioten.“

Korrekte Bürokratin im Konflikt

Mit Pariser Hochmut, das stellt diese Kulturschock-Komödie augenblicklich klar, wird Catherine (Catherine Frot) hier nicht weit kommen. Ihr Job ist allerdings auch undankbar genug. Sie soll die Rentabilität des örtlichen Krankenhauses steigern. Der Direktor schärft ihr ein, als Erstes die Entbindungsstation ins Visier zu nehmen: Mit nur 210 Geburten im Jahr macht diese Abteilung zu hohe Verluste und soll ins weit entfernte Quimper ausgelagert werden. Die patenten Hebammen Mathilde (Mathilde Seigner), Firmine (Firmine Richard) und Louise (Laurence Arné) laufen Sturm gegen den Plan und mobilisieren bald den Widerstand der ganzen Stadt. Unsere Bäuche gehören nicht nur uns, demonstrieren die nun doch zahlreicher werdenden Schwangeren, sie gehören auch nach Carhaix!

Mit so viel renitentem Lokalpatriotismus hat Catherine natürlich nicht gerechnet. Der feige Krankenhausdirektor flüchtet in den Urlaub. Und die korrekte Bürokratin steht auch noch vor einem Gewissenskonflikt, denn die streitbaren Hebammen haben sie in ihre Bowlingmannschaft aufgenommen und wollen gemeinsam mit ihr endlich den Pokal der Bretagne-Meisterschaft nach Carhaix holen. Nach einer kurzen Schonfrist des Fremdelns wird der Pariserin klar, dass sie sich auf die Seite ihrer Kegelschwestern schlagen muss.

Alles in allem ist das immer noch vergnüglicher als das Leben an der Seite ihres gönnerhaft-lethargischen Gatten. Während die Demonstranten mutig der Polizei die Stirn bieten und das Büro des Präfekten von einem Schwangerschaftsgymnastik-Kurs besetzt wird, sucht Catherine nach einer Lösung: Gibt es in Frankreich nicht auch für Entbindungsstationen ein Gütesiegel wie für Wein und Käse?

Griff in die Klischee-Schublade

Gewitzt werden nun Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der Geburtenstation verteidigt. Im Gegensatz zu ihrer Heldin hat die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar ohne Zweifel den Kinohit „Willkommen bei den Sch’tis“ gesehen und dessen Erfolgsrezept genau studiert.

Ihr komödiantisches Hohelied auf die Bodenständigkeit folgt dem großen Publikumserfolg von Dany Boon akribisch, wenn auch als entschieden weibliche Variante. Die Darstellerinnen sind muntere Komplizen bei dieser herzigen Ermächtigungsgeschichte.

Sie beruht übrigens auf wahren Ereignissen, was die Regisseurin jedoch nicht davon abhält, gehörig in die Klischee-Schublade zu greifen. Die Wendungen, die das Drehbuch nimmt, sind nicht allein vorhersehbar, sondern unausweichlich. Schade, ein Wohlfühlfilm wäre „Willkommen in der Bretagne“ sicher auch mit etwas mehr Einfallsreichtum geworden.

Willkommen in der Bretagne Frankr. 2012. Regie, Co-Drehbuch & Co-Produktion: Marie-Castille Mentio-Schaar, Kamera: Myriam Vinocour, Darsteller: Catherine Frot, Mathilde Seigner, Firmine Richard u. a.; 90 Minuten, Farbe. FSK o. A.