Wim Wenders bei den Dreharbeiten zu „Im Lauf der Zeit“.
Foto: Imago

BerlinIn einem meiner frühen Kämpfe um intellektuelle Selbstbehauptung spielte Wim Wenders eine wichtige Rolle, und das hatte gar nichts mit seinen Filmen zu tun. Im Geschichtsleistungskurs der westdeutschen Oberstufe der 1970er-Jahre kam irgendwann der Nationalsozialismus an die Reihe, und unser konservativer Lehrer forderte uns Schüler dazu auf, Joachim Fests Film „Hitler – eine Karriere“ im Kino anzusehen. Es war wohl der Versuch, so etwas wie Medienpädagogik zur Geltung kommen zu lassen. Als anschließend im Unterricht darüber gesprochen werden sollte, hatten wir uns mit einer Filmkritik von Wim Wenders präpariert, der Fest vor allem wegen des Einsatzes einer manipulativen Off-Stimme kritisierte. Wim Wenders hatte genau hingehört und den Sound als zentrale Quelle einer historischen Gegenaufklärung ausfindig gemacht.

Der Kritik stand an ein englisches Zitat voran: „Obscenity, who really cares, propaganda all is phony“ (Wen interessiert schon das Obszöne, Propaganda ist eben alles). Für mich hätte man nicht dazuschreiben müssen, von wem das stammt. Es ist eine Zeile aus Bob Dylans „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding“). Wim Wenders hatte jener in Kraft umgewandelten Verletzlichkeit, um die es in dem Stück geht, einen sprachlichen Ausdruck verliehen, die uns Schülern wie argumentative Geschosse gegen einen allzu verknöcherten Unterricht an die Hand gegeben worden waren.

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