Was wären wohl die Kathedralen des Kinos? Nur wenige Lichtspielhäuser würde man so bezeichnen, aber hätte es noch eines Beweises bedurft, dass jede Kunst zu Höherem strebt, erbringt ihn jetzt Wim Wenders. Ermutigt von seinem 3D-Film „Pina“, initiierte er ein neues Projekt, gewidmet den heiligen Hallen unserer Zeit. „Kathedralen der Kultur“ lautet der leicht megalomane Titel des Dokumentarfilms in 3D, für den vier weitere Filmemacher und eine Filmemacherin angefragt wurden, ein Gebäude ihrer Wahl beizusteuern. Zu Ehren gekommen sind unter anderem die Berliner Philharmonie, die Nationalbibliothek in St. Petersburg, die neue Osloer Oper sowie das Centre Pompidou in Paris.

Dass die Sache gelingen könnte, ahnt man gleich im ersten der halbstündigen Beiträge. Der Philharmonie hat sich Wenders selbst angenommen. Das luftige Foyer und der fünfeckige Konzertsaal mit mittigem Podium erstaunen immer wieder, und Wenders’ Anspruch, den Zuschauer durch 3D „in den Raum“ zu versetzen, erfüllt sich ohne Weiteres. Doch das kennen wir, darum schnell weiter.

Treppauf und treppab

Schmuckstück des Sechsteilers ist ohne Frage die St. Petersburger Nationalbibliothek, eine Kathedrale des Wissens, im klassizistischen Stil. Einen großen Kuppelbau bietet sie nicht, der von Michael Glawogger konzipierte Film fasziniert vielmehr im Gewusel der vielen kleinen Gänge mit Tausenden Regalmetern, in denen dieses Wissen lagert. In dunklen Zeiten musste es sich auch verstecken – die Bibliothekarinnen rissen einfach die Signaturen von den Büchern und merkten sich den Ort. Ihre Nachfolgerinnen rennen immer noch hin und her, um den ausufernden Zettelkatalog in Schuss zu halten. Treppe rauf, Treppe runter, die Empore entlang und wieder zurück – das verwunschene Gemäuer ist ein einziges Abenteuer und Digitalisierung ein Fremdwort.

Tendenziell nervend ist allerdings der Voice-over-Kommentar. Seine Videoinstallation „If buildings could talk“ war ein weiterer Anstoß für Wenders, und so können auch hier Mauern reden: „Hallo, ich bin das Gebäude!“ So etwas, mit Verlaub, muss man mögen. Hinzu kommt die auch vom Kulturradio bekannte Eigenart, beim Sprechen etwa über Literatur in einen merkwürdigen Singsang zu verfallen. Der von der Schauspielerin Meret Becker eingesprochene Kommentar zu Hans Scharouns Philharmonie glänzt nicht eben durch bautheoretische Substanz; doch auch von der „Utopie einer freien Gesellschaft“ hört man ungern im Ton einer beschwipsten Märchentante. Der russische Sprecher hingegen raunt durch die Bibliothek wie ein altersgeiler Verführer. Aber still, er zitiert doch nur Dostojewski.

Der akustische Part wird sukzessive besser, schon im Beitrag des Dänen Michael Madsen, der sich ein ultramodernes Gefängnis im norwegischen Halden vorgenommen hat. Ein Knast als Kathedrale? Das ist überhaupt gar kein Problem, denn natürlich gibt es auch eine Kultur des Strafens. Gerade der kahle, aber human gestaltete Zweckbau mit seinen vielen Freizeitangeboten für Häftlinge löst ein, was dem ganzen Filmprojekt als Prämisse voransteht: zu zeigen, wie eine Gesellschaft zu sich selbst steht. So wollen wir die Architektur, und so porträtiert, sicher nicht aus Zufall, auch Margreth Olin das Opernhaus von Oslo: Der Mensch steht im Vordergrund, ob als Besucher oder als Künstler, das transparente Gebäude dient lediglich seiner Verwirklichung ohne unnötige Mauern und Grenzen. Die Menschen spazieren hier, mit anderen Worten, auf dem Dach herum.

Dazwischen liegt der filmisch reifste Beitrag, er stammt von Robert Redford. Der große Mann zeigt uns das nach seinem Gründer benannte Salk Institute for Biological Studies, ein 1959 in die kalifornischen Dünen gesetztes Forschungsdorf, betörend als modernistische Utopie in Sichtbeton und Mahagoni. Auf den zweifelhaften Ich-Kommentar hat Redford verzichtet. Stattdessen präsentiert er diesen Weiheort menschlichen Strebens in einer faszinierenden Toncollage aus Stimmen der Erbauer und der Menschen, die darin arbeiten. Sie sind Amerikaner, und so glauben sie fest an den human spirit als Schöpfer großer Dinge − und sprechen doch so nüchtern davon wie über einen Toaster. Es ist ungeheuer erholsam.

Sakral und banal

Man ist gar nicht sehr erschöpft nach Karim Aïnouz’ finalem Beitrag über das Pariser Pompidou. Nach außen spektakulär bis monströs, im Inneren voller Geheimnisse – so ist auch der fast dreistündige Film. Seine Teile fügen sich nicht zusammen wie die Schiffe einer Kathedrale, nicht einmal wie verschiedene Kirchen derselben Religion. Zwischen sakraler Ehrfurcht und banaler Touristik findet er nicht immer den richtigen Ton. Vielleicht ist die 3D-Technik das einzig verbindende Element. Doch auch darin ist er nur modern. Architekturinteressierte sollten sich diesen visuellen Genuss jedenfalls nicht entgehen lassen. Und die Ohrstöpsel vorsichtshalber mitnehmen.

Kathedralen der Kultur 12.2.: 15 Uhr, 13.2.: 10 Uhr, Haus d. Berliner Festspiele