Winnetou Filmmusik: Karl May? Habe ich nie gelesen

Der Rhythmus klingt wie ein trabendes Pferd, dazu erheben sich schwelgende Streicher in den Himmel über der Prärie: Die „Winnetou Melodie“ von Martin Böttcher ist zweifellos die bekannteste Filmmusik der deutschen Nachkriegsgeschichte; zusammen mit der ähnlich gewirkten „Old Shatterhand Melodie“ war sie eine der meistverkauften Singles der Sechzigerjahre. Für fast alle Karl-May-Filme hat Martin Böttcher die Musik komponiert, aber auch für „Die Halbstarken“ und die Edgar-Wallace-Filme; schließlich für allerlei Fernsehserien von „Derrick“ bis zu „Forsthaus Falkenau“. Am Sonntag feiert er seinen 85. Geburtstag; aus diesem Anlass erscheint eine 4 CDs umfassende Werk-Retrospektive. Wir trafen ihn in Berlin zum Gespräch über Karl May, Big Band Jazz und frühe Sampling Technologie.

Herr Böttcher, man kennt Sie als Komponist der Winnetou-Melodie. Ihre Karriere haben Sie aber als Jazzgitarrist begonnen. Wie sind Sie zum Jazz gekommen?

In der Kriegsgefangenschaft. Da gab es ein Radio, auf dem die amerikanischen Sender liefen und Big-Band-Musik von Benny Goodman und Artie Shaw. Das hat uns enorm inspiriert – auch, weil es bis dahin ja immer verboten gewesen war.

Und warum ausgerechnet Gitarre? Im klassischen Big-Band-Jazz hat die ja kaum eine Rolle gespielt.

Auch wegen der Gefangenschaft. Ein Kamerad hatte eine Gitarre dabei, das war das einzige Instrument, das es weit und breit gab. Darauf hab ich das Spielen gelernt, und als ich nach drei Monaten entlassen wurde, bin ich über einen Freund – der war Pauker und Vibraphonist bei den Sinfonikern – zur Big Band des späteren NDR gekommen.

Von "Die Halbstarken" zu "Winnetou"

Gab es irgendeinen Austausch mit amerikanischen Jazzmusikern?

Nein, aber wir haben die spielen sehen! Count Basie, Stan Kenton, die sind alle schon kurz nach dem Krieg in Deutschland aufgetreten.

Gibt es Plattenaufnahmen von Ihren frühen Big-Band-Einsätzen?

Ich habe Trickaufnahmen mit der Gitarre gemacht, das hatte ich mir bei Les Paul abgeschaut; davon gab es eine Platte. Trickaufnahme heißt: Ich hab mit einem Bassisten und einem Schlagzeuger zusammengespielt, aber mehrere Gitarrenspuren aufgenommen, so dass es wie ein Gitarrenorchester klang. Das war gar nicht so einfach! Denn damals gab es ja noch keine Mehrspurgeräte, weswegen man immer auf ein und dasselbe Einspurband spielen musste, „auf den Schnürsenkel“, wie wir damals sagten.

Was war der erste Film, für den Sie Musik komponiert haben?

„Der Hauptmann und sein Held“, eine Anti-Kriegs-Satire, die von Artur Brauner produziert wurde. Später kam dann „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz.

Da musizierten sie nicht nur in der Big Band, sondern auch in einer eigens gegründeten Rock-’n’-Roll-Band.

Ja, das war die Mr. Martin’s Band; in der spielte zum Beispiel Ernst Mosch, ein sehr guter Jazzposaunist. Während der Aufnahmen sagte der eines Tages: Ich hab ein neues Projekt, ich mach jetzt Volksmusik. Dann gründete er die Egerländer Musikanten! War schon witzig damals. In der Big Band war James Last mit dabei, der hat Bass gespielt.

Wie kamen Sie von den Halbstarken zu Winnetou?

Über den Produzenten Horst Wendlandt, einen ehemaligen Assistenten von Artur Brauner. Mit dem hatte ich schon einige Filme gemacht, da rief der eines Tages an und sagte: Wir machen jetzt etwas ganz Neues, wir machen Karl May! Ich sagte: Oh Gott, da kenn ich mich nicht aus. Hab ich nie gelesen. Er sagte: Egal. Und hat mir ein paar Muster geschickt: kurze Sequenzen, in denen zum Beispiel Pierre Brice und Lex Barker durch die Prärie ritten, stolz und edel. Da hatte ich sofort die Idee für die „Old Shatterhand Melodie“, die hab ich Wendlandt am Klavier vorgespielt, nur acht Takte – da waren wir im Geschäft. Alles Weitere ergab sich.

Filmmusik vom Tanzorchester

Sind Sie beim Dreh dabei gewesen?

Nein, ich hab die Musik erst zu den fertigen Filmen entwickelt. Mit der Stoppuhr in der Hand.

Und gab es da viele Debatten mit den Regisseuren?

Die ersten Filme stammten ja alle von Harald Reinl, das war ein Traum von Regisseur. Der hat mich machen lassen, was ich wollte. Zwischen uns gab es größtes Vertrauen!

Woher kamen die Musiker bei den Karl-May-Melodien?

Am Anfang vom NDR-Tanzorchester und von den Hamburger Sinfonikern. Später mussten wir aus steuerlichen Gründen nach Berlin übersiedeln und da produzieren …

… weil Berlin damals so stark subventioniert war?

Genau. Deswegen stammt die spätere Karl-May-Musik vom Rias- Tanzorchester.

Wie war der Kontakt zu den Schauspielern?

Mit Pierre Brice bin ich bis heute befreundet. Mit Lex Barker hatte ich ein wunderbares Verhältnis – wenn der durch die Tür kam, mit seinen einsachtundneunzig, das war schon ein Ereignis! Den Mädchen stockte der Atem!

Und mit Stewart Granger, der später den Old Surehand spielte? Der galt ja als menschlich eher unangenehm.

Ja, zwischen Pierre Brice und ihm war es sehr schwierig, und er hat auch die anderen Schauspieler ganz schön getriezt. Mich hat er aber immer freundschaftlich umarmt, wenn wir uns mal getroffen haben.

Ärger mit der Gewerkschaft

Haben Sie einen Liebling unter den Karl-May-Filmen?

Nein, ich habe die alle sehr gerne gemocht. Aber ich habe eine Lieblingsmelodie, und zwar aus „Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten“, das war der letzte von den Filmen, 1968, glaube ich …

… der hatte ja schon sehr starke Italo-Western-Züge …

… genau, und darin gab es die „Grand-Canyon-Melodie“ – die ist mir fast noch besser gelungen als die Winnetou-Melodie! Finde ich jedenfalls.

1973 haben Sie dann die Musik für die „Kara Ben Nemsi Effendi“-Fernsehserie aufgenommen, mit Karl Michael Vogler und Heinz Schubert in den Hauptrollen. Die klingt ganz anders als die Kino-Soundtracks.

Wir hatten natürlich viel weniger Geld und mussten mehr rumprobieren. Mein ganzes Orchester bestand aus fünf Leuten! Die hab ich mit einem Mellotron aufgenommen, das war damals eine ganz neue Erfindung: Man nahm Klänge auf kurze Tonbänder auf, die man dann wiederum per Tastendruck abspielen konnte.

Heute würde man Sampler sagen.

Ja, das war die Frühform davon. Und es gab natürlich großen Ärger mit der Gewerkschaft! Weil die sagten, dass man mit diesem Gerät die richtigen Musiker arbeitslos macht.

Kurz vor seinem Tod im letzten Jahr hatte der Produzent Bernd Eichinger eine Neuverfilmung der Winnetou-Bücher angekündigt. Hat man Sie schon wegen der Musik gefragt?

Blacky Fuchsberger hat mich neulich mit einem Produzenten zusammengebracht, der an dem Projekt mitarbeitet. Aber ich glaube, bislang wird nur darüber geredet. Wirklich passiert ist noch nichts.

Haben Sie denn inzwischen einmal einen Karl-May-Roman gelesen?

Frank Elstner hat mir „Der Schatz im Silbersee“ geschenkt, und ich hab den auch angelesen. Aber mein Gott, ich hab immer so wenig Zeit, und der Karl May schreibt einen so weitschweifigen Stil. Dafür fehlt mir schlicht die Geduld.

Das Gespräch führte Jens Balzer.

Martin Böttcher: Die 85 größten Film- und TV-Melodien (Warner Music).