Winterbottom-Film: Frauen, Brüste, Sensationen

In der guten alten Zeit wäre man in diesen Film gegangen, weil es darin Brüste zu sehen gibt. Dass das heute keinen mehr juckt, ist auch das Verdienst von Paul Raymond, dem Lasterkönig von Soho. An der neumodischen Unsitte hingegen, jeden noch so zwielichtigen Halbprominenten mit einem Biopic zu ehren, ist er völlig schuldlos.

Paul Raymond, Jahrgang 1925, schuf sich seine Sensationen selbst. Dem britischen Boulevardpublikum ist sein Werdegang wohlbekannt: Als Zauberkünstler und Gedankenleser kam er auf die Londoner Bühne, mit Beginn der 1950er-Jahre präsentierte er rund um Old Compton und Wardour Street eine Nachtklub-Revue nach der anderen. Er steckte halbnackte Frauen und Löwen in einen Käfig, nahm Sittlichkeitsprozesse und Razzien lächelnd in Kauf und freute sich schon bald über ein kleines Imperium. Unmoralisch war daran nichts. Im Grunde verschaffte sein plüschiger Edelkitsch dem verrufenen Soho sogar eine Aufwertung – der er durch schlaue Immobilienkäufe weiter Vorschub leistete.

Mit Magazinen wie Men’s Only und Razzle mehrte er sein Vermögen, doch nicht um jeden Preis: Mit harter Pornografie oder gar Blasphemie wollte er nichts zu tun haben! Sexuelle Handlungen mit Nonnen etwa wären ihm nicht untergekommen. In solch feinen Unterscheidungen muss man wohl das Viktorianische dieses Mannes sehen, der seinen Viktorianern die Prüderie austrieb. Gelohnt hat es sich allemal: Noch nach seinem Tod im Jahr 2008 fand man den bekennenden Thatcher-Fan auf der Forbes-Liste der Dollarmilliardäre; der „König von Soho“ starb als steinreicher Mann.

Man kann das so unbekümmert nacherzählen, weil es der Regisseur Michael Winterbottom in seinem Film „The Look of Love“ genau so macht. Wobei private Dramen nicht ausbleiben. Raymonds berufsmäßiges Fremdgehen, ein verleugneter Sohn aus jungen Jahren und die Tragödie um seine Tochter Debbie spielen eine Rolle. Als Showgirl ohne Talent übergab er ihr die Leitung seiner Geschäfte. Im Film gibt er der eigenen Tochter auch eine der letzten Nasen Kokain, sie stirbt schließlich – wie man von Anfang an weiß – an einer Drogenüberdosis. Doch ist er darum ein schlechter Vater? Ist Debbie das Opfer, das ein eben doch irgendwie loser Lebenswandel unumgänglich machte?

Michael Winterbottom gibt nicht den Moralapostel, er heuchelt keine Kritik, er zeigt nur. Darin gleicht er Raymond selbst, der es liebte, andere auf die Bühne zu stellen, ohne ihnen unter die Haut zu gehen. „The Look of Love“ ist ein von Herzen oberflächlicher Film, der Blick der Liebe ist emotional unverbindlich, aber im Zweifel voller Sympathie. Und wie Raymond will man es auch dem britischen Filmemacher nicht übelnehmen, dass er sich hier einmal den schönen Dingen widmet, ohne groß zu fragen. Hat er doch weiß Gott schwierige Filme gemacht, von politisch und experimentell („Welcome to Sarajewo“) bis extrem kontrovers („The Killer Inside Me“). Als er mal einen Porno („9 Songs“) drehen wollte, stand ihm die Kunst im Weg – das wiederum wäre Paul Raymond sicher nicht passiert.

Nicht wegen blanker Busen, sondern als poppig-buntes Zeit- und Sittenbild sieht man „The Look of Love“ durchweg gern. Mit heiteren Songs, Split-Screens und kunstvollen Montagen schunkelt Winterbottom durch die Jahrzehnte und sämtliche Konventionen des Biopics. Sympathiegarant ist einmal mehr der Hauptdarsteller Steve Coogan. Mit teuren Klunkern, Schnurrbart, stets etwas verdächtiger Matte und britischer Nonchalance gibt der geniale Komiker ein Porträt, das dem Vorbild sicher geschmeichelt hätte. Denn ein eitler Geck und waschechter Schmierlappen war er natürlich auch, dieser Paul Raymond, bei aller Liebe.