In seiner neuen Show will der Wintergarten die Welt auf den Kopf stellen: Kashka.
Foto: Wintergarten

BerlinDer Abend ist schon fortgeschritten, als sich der Regisseur Markus Pabst kopfüber ans Trapez hängt und dem Publikum seine Sicht auf das Leben erklärt: „Ich will die Welt auf den Kopf stellen: Die unten sollen oben sein!“ Auf der Bühne wird schon „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ angestimmt, oben redet er weiter: „Bloß nichts nachmachen, nichts soll sein, wie erwartet“. Mit dieser Art Querdenkerei etablierte Pabst weltweit seinen Ruf als Erneuerer des Varietés, oder wie er selbst sagt, als Punk eines Genres, das sich schon fast überlebt hatte. Und in seiner jüngsten Revue „Die 20er Jahre“ im Wintergarten, die Pabst zusammen mit Pierre Caesar inszenierte, stecken so viel Kraft, Lust, Witz und Originalität, dass man sie nach den vielen konventionellen Programmen locker zum größten Wintergarten-Abend der letzten Jahre erklären kann. 

Sehnsucht nach Amüsement

Ähnlich dürfte die Stimmung gewesen sein, als die Menschen nach den Schrecken des Krieges ihrer Sucht nach Amüsement nachgaben. Golden leuchtete das Zeitalter wohl erst, als es verloren war. Und ob eines der damals angeblich 80 Berliner Varietés mit einem so genialen Paradiesvogel wie Jack Woodhead auftrumpfen konnte, darf man bezweifeln. Er ist ein lautes, aufreizendes Naturtalent in Lack, Leder und Pelzkragen, er komponiert, singt, tanzt und hämmert am Klavier, dass es knallt. Man kennt ihn und seine betörend schöne Ergänzung, den Verbiegungskünstler David Pereira schon aus der Pabst-Inszenierung „Der helle Wahnsinn“.

Tatsächlich passen die beiden Stars des Abends in die Irrenanstalt genauso gut wie in das verruchte Cabaret. Sie sorgen für die irrlichterne Stimmung auf der Bühne, nehmen dazu die Akrobaten und Künstler des Abends gewissenhaft mit.

Klasse haben alle, wie immer in dem Haus – ob am Chinesischen Mast (Alessandro Di Sazio), in Luftreifen (Thula Moon, Duo Sienna), an Strapaten (Chris Myland) oder als Comedy-Duo Collins Brothers. Letzte zeigen endlich mal, wie so ein angeblich in der Kiste zersägter Akrobat in einer Kistenhälfte zusammengefaltet hockt. Der Sänger Ye Fei, von Pabst auf einer Chinareise aufgelesen, brachte mit der Turandot-Arie „Nessun Dorma“ und dem Federtänzer Dennis Mac Dao für einen Augenblick große Sangeskunst und Besinnung in den Raum. Keine Nummer ohne Idee. Insgesamt stellt sich dann her, was so schwer zu machen ist: eine Atmosphäre von Sünde, Laster und Erotik. Nicht nur beim Auftritt einer barbusigen Burlesque-Tänzerin wie Banbury Cross, die mit ernstem Blick oder martialischer Peitsche alles verspricht.

Grenzgänge hautnah

Das Publikum erlebt Grenzgänge hautnah. In den vorderen Reihen kann es passieren, dass man einem ganzkörpereingeseiften Mann beim Rasieren an schwierigen Stellen helfen soll. Feucht geht es auch zu, wenn sich drei Akrobaten in einem gläsernen Wasserbassin verknoten. Die blauen Flecke vom Üben sind noch sichtbar, es spritzt, spuckt und gießt aus Mündern und Duschen – bis ins Parkett. Gäste in den vorderen Reihen spannen ihre durchsichtigen Schirme auf, aber darunter lachen sie sich schlapp und fotografieren das Unglaubliche aus der Nähe.

Wie schnell man an Geist und Atmosphäre von damals scheitern kann, zeigte die aufwendige 20er-Jahre-Show „Berlin Berlin“ jüngst im Admiralspalast. Sie verlegte sich aufs Kopieren von Bekanntem, erzwang einen positiven Ausblick, zog aber zwischendurch auf der Bühne eine riesige Hakenkreuzfahne hoch.

Vor Peinlichkeiten geschützt

Vor solchen Peinlichkeiten ist der Wintergarten geschützt durch ein gedankliches Fundament, das die heutigen Zwanziger im Blick hat. So dämpft Pabst als Conférencier selbst gelegentlich das Vergnügen im Saal, indem er beiläufig knappe Zitate von Zeitgenossen einstreut. Etwa von Kästner, der vor der Lawine erzählte, die als Schneeball begann. In Pictogrammen blättert sich die Ähnlichkeit von Chaplin und Hitler auf; der gleiche Bart. Der eine brachte Millionen zum Lachen, der andere Millionen ins Grab. Überall Widersprüche und Extreme, damals braun, heute blau. Dennoch Bombenstimmung bis zum Schluss, natürlich mit Liveband.

Wintergarten-Varieté Potsdamer Straße. Bis 11. Juni, Karten: 588 433