Salti und Flick Flack in Folge, gummihafte Körperverdrehungen am Trapez und Jonglage mit sieben Bällen: Was diese Artisten können, gehört unbestreitbar zur Spitzenklasse. Und die Idee, Badewannen auf der Bühne als Turngeräte zu benutzen, wie jetzt im Wintergarten Varieté, hat wirklich Charme. Badewannen eignen sich auch für lustige Spiele, etwa wenn ein Oberkörper am Fußende herausschaut, ungewöhnlich lange Beine am Kopfende wackeln, weil einfach – aber nicht sichtbar – zwei Personen in der Wanne sind.

Das gab es schon einmal, wird der Kenner sagen, Anfang 2007 feierte „Soap“ im Chamäleon Theater am Hackeschen Markt eine umjubelte Premiere, die Spielzeit wurde verlängert und verlängert, die Show zog um die Kontinente und kam zurück. Und jetzt hätten Markus Pabst und Maximilian Rambaek sie wieder nach Berlin holen können und das Publikum wäre dem legendären Ruf gefolgt.

Aber Pabst hat sich seinen Ehrentitel als Varieté-Papst redlich erarbeitet: Er will immer mehr und Besseres. Und so wie er kürzlich im Chamäleon die kühne Show „Dummy“ mit Eike von Stuckenbrok in eine neue Dimension überführte als „Dummy Lab“, so zauberte er nun mit seinem alten (na ja, 35-jährigen) Regie-Partner Rammbaek aus „Soap“ für den Wintergarten die „Seifen Oper“. Die um ähnliche Zuschauergruppen konkurrierenden Häuser waren sich einig. Es ist ein Artistical geworden, wie man dieses Genre wohl nennen muss, ein Mix aus Neuem Zirkus, Musical und Theater.

Markus Pabst hat das schon vor einem Jahr mit „Der helle Wahnsinn“ probiert: eine Geschichte mit den Mitteln des Varietés zu erzählen. Dabei verkomplizierten die großen Gedanken das Spiel. Aber diesmal ist die Story nicht nur einleuchtend und rund, sie erweist sich für den Berliner Zuschauer als bedrückend aktuell: Ein Engländer hat sich ein Kreuzberger Mietshaus gekauft, aus dem er maximalen Gewinn holen will. Dafür müssen die Altmieter raus. Er schickt seine Tochter vor, die Leute auszuspionieren – eine Sängerin, eine Mutter, eine Yoga-Lehrerin, ein Playboy, ein Anwalt und so fort – er stellt ihnen das Wasser ab und füttert eine Ratte. Am Ende überreicht er allen die Kündigung. Doch da spielt die Tochter nicht mit, die sich mit dem Völkchen angefreundet hat.

Und was das für Leute sind! Daniel Leo Stern wickelt sich zwei Gurte, die Strapaten, nur um die Handgelenke und segelt durch den Saal, während es regnet. Es sind echte, dicke Tropfen, der muskelschöne Körper wird immer nasser. Auch als der schmale Joseph Pinzon sich ans Trapez hängt, pladdert es, bald hängt er triefend kopfüber in der Luft und dreht sich schwindelschnell.

Oder Anton Belyakov, dieser Mann, den man fast den ganzen Abend im Labber-T-Shirt sieht, der seine Sonnenbrille trägt, als wolle er Trinkeraugen verdecken, der versinkt in seiner vollen Badewanne und wirbelt wieder heraus. Dabei sieht es aus, als hätten Pabst/Rammbaek auch das Wasser choreografiert, so wie sich da die Tropfen zu Kreisen vereinen. Der Artist benutzt nun die Badewannenränder wie die Holme eines Barrens, er grätscht und kreist nicht schlechter als die olympische Turnerriege, dann geht er in die Höhe, verbiegt den Körper zu einer Skulptur, das eine Bein links, das andere oben, der eine Arm rechts und nur auf einer Hand balanciert er am Badewannenrand. Dass er nicht abrutscht!

Das Stück hat ein paar Anlaufschwierigkeiten, zumal das Deutsch des Bandleaders Matt Voodoo als Vermieter nicht so gut zu verstehen ist, auch muss man sich als Zuschauer zunächst reinfitzeln in die Geschichte, dass da eine Frau (als Tochter sicher und klar singend, zudem toll tanzend: Sarah Bowden) von Wohnung zu Wohnung zieht, wenn sie doch nur von Badewanne zu Badewanne steigt. Aber es soll ja hier auch kein naturalistisches Abbild der Gesellschaft gezeigt werden, sondern ein Stück mit Show und Musik. Nur hat es glücklicherweise auch mit der Gesellschaft zu tun. Die „Seifen Oper“ passt in diese Zeit.

Die Band bewegt sich nach den Noten von Pabsts Lieblingskomponisten Jack Woodhead vom Soul über Funk zu Rock und typischen Musical-Soli. Für die Operndiva in der Wanne am oberen Bühnenrand wird aus den Lautsprechern auch ein Rossini-Mix eingespielt, es erklingt gar das Schicksalsmotiv aus Beethovens Fünfter.

Eine dicke Ratte hat als Witzfigur die schwächste, überflüssige Rolle im Ganzen. Jedoch führt sie beim Giftschnüffeln zu einem putzigen Gag: Sie fühlt sich high, da tauchen aus wechselnden Wannen Hai-Flossen auf; und einer entsteigt schließlich der Miet-Hai.

Seifen Oper– The Soap Opera, Wintergarten bis 27. 9., Mi–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr, Karten ab 32 Euro, Tel.: 588433