Die einen umarmen den Heizpilz, die anderen wollen den Herbst lieber umweltschonend in der Winterjacke verbringen. Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Illustration: Jill Senft

Hanno Hauenstein ist pro Heizpilz

BerlinTel Aviver Winter sind kalt. Nicht so kalt wie in Berlin oder New York. Aber doch kälter, als man es sich in Mitteleuropa geläufig vorstellt. Besonders nachts – und weil Zentralheizungen hier was für privilegiertere Leute sind. Eine deutliche Erinnerung an die Zeit, als ich 2011 ein knappes Jahr in Tel Aviv verbrachte, ist das nächtliche Zusammenrücken mit israelischen Freunden unter den glühenden Heizpilz-Gestellen der Cafébar „Beta ve Grega“ in Süd-Tel-Aviv. Die standen draußen zwischen den rustikalen Holztischen. Ständig zischten hupende Taxis vorbei. Obdachlose versuchten, ein bisschen von der abstrahlenden Wärme zu erhaschen. Vom Mittelmeer aus legte sich einem ein feiner Salzfilm über die Lippen. Und wir diskutierten – unter den Heizpilzen – über Gott und die Welt. 

Es ist eine schöne Erinnerung. Eine, die mir in meiner eigenen Vorbereitung auf den pandemiebedingten Abstandsherbst und -Winter ein bisschen heimelige Wärme bereitet. So ähnlich könnte es bald aussehen, jetzt wo’s auch hier wieder kalt wird. Immerhin werden Bar- und Restaurantbesuche unter „normalen“ Bedingungen kaum möglich sein. Viele werden sich, wenn überhaupt, nur mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen und sozial betrachtet nicht gerade attraktiven Abstandsregeln in geschlossene Räume begeben. Zu groß ist die berechtigte Angst vor herumfliegenden Aerosolen, vorm erneuten Ausschlagen der Covid-Kurve.

Der Heizpilz wäre eine gute Alternative

Warum nicht, sofern es die Räumlichkeiten zulassen, einfach draußen unterm Heizpilz sitzen? „Heizpilze sind Klima-Killer!“, schnellt einem der schnappatmige Konter jener Leute entgegen, die im Heizpilz nur ein atombombenförmiges Schreckbild der heraufziehenden Klimakatastrophe erkennen wollen. Und okay, ja, es stimmt ein bisschen. Heizpilze stoßen Kohlenstoffdioxid ab, und das ist schlecht für die Umwelt. In Berlin sind sie daher schon seit 2009 in vielen Bezirken verboten – etwa in Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte, Charlottenburg. „Im Sinne des Berliner Straßengesetzes stellt der Klimaschutz ein überwiegendes öffentliches Interesse dar“, heißt es in einer Begründung.

Dennoch: Nicht sehen zu wollen, dass sich das Koordinatensystem der Klimakrise seit der Pandemie verschoben hat, erscheint fast genauso naiv, wie den Klimawandel an sich zu leugnen. Wäre ich Statistiker, würde ich hier zahlenmäßig Folgendes vorrechnen: Die Summe der seit Ausbruch der Pandemie nicht geflogenen Flüge, nicht gefahrenen Autos, nicht besuchten Veranstaltungen usw. hat eine Klima-Entlastung herbeigeführt. Das Klima sollte uns deshalb nicht egal sein! Aber bei der Frage nach ein paar Heizpilzen sollten wir uns doch mal erlauben, ein Auge zuzudrücken. Gemäß dem Motto: der Zweck der Psychohygiene durch Sozialkontakt (fast ohne Ansteckungsgefahr, weil draußen) heiligt das Mittel des Kohlendioxidteufels Heizpilz!

Runter unter den Heizpilz! Lasst euch nicht vereinzeln!

Sogar prominente Grünenvertreter zeigen sich Heizpilzen gegenüber jetzt offen: „Aus klima- und umweltpolitischen Gründen lehnen wir in Zeiten, in denen man im Restaurant oder Café im Winter ganz normal drinnen sitzen kann, den Betrieb von Heizpilzen im Außenbereich ab“, sagte etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter (der langhaarige Biologe). In diesem Winter aber, so Hofreiter, sei er aufgrund der „speziellen Ausnahmesituation“ dafür, das Heizpilzverbot befristet auszusetzen. So könnte man den Umsatz von Restaurants retten. Und uns vor der drohenden Isolation bewahren. Klingt doch nach einem Kompromiss – oder?

Und versprochen, nach der Pandemie werden die Heizpilze dann endgültig wieder eine Sache der Erinnerung aus vergangenen Tagen. Bis dahin: Raus an die aerosolfreie Luft! Runter unter die kuscheligen, wohlig-sozialen Heizpilze! Trefft eure Freunde, lasst euch nicht vereinzeln. Auf dass die Heizpilze in diesem Winter ein letztes Mal erglimmen.

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Tomasz Kurianowicz ist pro Winterjacke

Es muss im Jahr 2005 gewesen sein, an einem Dezembertag auf einem der ungemütlichsten Berliner Weihnachtsmärkte (von denen es in Berlin naturgemäß nicht gerade wenige gibt) – ich meine jenen am Potsdamer Platz –, als ich sie das erste Mal sah: die Winterjacke mit künstlichem Pelzkragen. Am Glühweinstand erschreckte ich mich, vermutete ein Tier um den Hals eines schnatternden Mannes, der von diesem komischen Accessoire umschlungen war. Erst wollte ich erste Hilfe leisten. Doch dann begriff ich, dass ich Zeuge eines neuen Modetrends wurde.

Bei genauem Hinhören stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann um einen Italiener handelte, der die Winterjacke trug. Er sprach mit seinen Freunden in seiner Muttersprache, goss sich zuckersüßen Glühwein in den Rachen und zeigte sich von der mäßigen Kälte ganz unbekümmert. Ich gestehe, ich war verwundert. Er sah ein bisschen so aus, als würde er bald in Südtirol Skifahren gehen. Erst dachte ich: „Total übertrieben!“ Und dann, als ich zu frieren begann: „Touché! Der Mann hat ja alles richtig gemacht.“

Im Laufe dieses langen Winters sah ich diese dicken Winterjacken mit Pelzkragen immer häufiger. Viele südländische Touristen trugen sie, dann auch immer mehr Berliner. (Für die Kenner ist das Stichwort: Canada-Goose.) Bei mir ging das Grübeln los: Warum brachten ausgerechnet die von der Sonne geküssten Südländer diesen Winterjacken-Trend nach Berlin, wenn wir Nordeuropäer die viel stärkeren Winter zu ertragen haben? Dann verstand ich erst, dass ausgerechnet die Sonnenliebhaber sich im kalten Norden völlig bewusst darüber waren, dass der Mensch bei nasskaltem Wetter nur mit ordentlicher Hülle um die Rippen eine innere Gefühlslage aufbauen kann, die einem Tag unter der Sonne von Palermo gleicht. Plötzlich ergab alles einen Sinn.

Liebe Lesende, Sie ahnen vermutlich, worauf ich hinaus will: Die dicke Winterjacke (sei es mit künstlichem Pelzkragen oder ohne, aber auf jeden Fall einem Schlafsack gleich) ist die Antwort auf den Corona-Winter 2020. Wenn jetzt über das psychosoziale Durchkommen nachgedacht wird, dann kommt nur diese umweltschonende Lösung infrage. Schon meine Oma hat immer gesagt: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Die freddolosi, die Frostbeulen unter uns, werden genau wissen, wovon ich spreche.

Die Winterjacke ist kompakt, umweltschonend und praktisch. Der Heizpilz wiederum eine Umweltsünde, die die Ultima Ratio einer zivilisierten Gesellschaft bleiben sollte. Denn wer möchte schon Zeuge möglicher Streitereien werden, wenn sich schlecht gelaunte Berliner unter Heizpilz-Strahlern versammeln und mit ihrer Schnoddrigkeit um den besten Platz ringen? Mit meiner Erfahrung aus dem Berliner Straßenverkehr kann ich sagen: Ich lieber nicht.

Daher mein Rat: Wir müssen kreativ sein. Wir müssen experimentell sein. Ziehen wir uns wie Michelin-Männchen an, packen und wickeln wir uns mit dicken Stoffschichten ein, setzen wir uns mit Winterjacken vor die Restaurants – meinetwegen, zünden wir Lagerfeuer an! – und nutzen wir die schärfste Waffe, die dem Menschen in Krisenzeiten zur Verfügung steht: Hirn und Kreativität. Ich bin mir sicher: Mit Mindestabstand und Winterjacke können wir jeden noch so schlimmen Corona-Winter überstehen.

Ach, übrigens. Für die Skeptiker unter uns: Die dicke Winterjacke eignet sich ebenso wie die Maske für kreative Mode-Lösungen. Es gibt überzeugende Vorbilder aus der Kulturgeschichte – etwa die Polizistin und Protagonistin aus dem Coen-Brüder-Film „Fargo“ (1996). Ach, was sah Frances McDormand toll aus in ihrer dicken Winterjacke und dieser süßen, zu groß geratenen Schlappohr-Mütze aus Fell, während sie im kältesten Winter von Alaska rätselhafte Mordfälle löste. Was diese Frau kann, können wir auch. Tun wir es ihr nach. Tragen wir ganz dicke Winterjacken, gehen wir raus und, vor allem, bleiben wir solidarisch!