Der dänische Komponist Carl Nielsen nannte seine 4. Symphonie „Das Unauslöschliche“. Geschrieben und noch während des Ersten Weltkriegs uraufgeführt, lassen sich in dieses Werk voll schroffer Kontraste Kriegslärm und friedliche Ruhe hineinhören, Verzweiflung ebenso wie der Glaube an das Unzerstörbare – die Musik.  

Der Dirigent Rudolf Schwarz wählte diese  Symphonie für eines der letzten Konzerte des Orchesters des Jüdischen Kulturbunds in Berlin.  Erste Flöte spielte ein junger, aus Oldenburg stammender  Mann namens Günther Goldschmidt, 1935 war er der Musikhochschule verwiesen worden. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Bratschisten Rosemarie Gumpert, gelang ihm 1941 die Flucht in die USA. Das Paar gründete eine Familie, alles schien normal, und doch merkte der Sohn Martin, den die kalifornischen Mitschüler „Kraut“ nannten, dass etwas verschwiegen wurde. Was war mit den Familien der Eltern geschehen? Der wie ein Frageverbot wiederholte Halbsatz „im Krieg gestorben“ genügte ihm nicht.  Zehn Jahre nach dem Tod der Mutter begann Martin Goldsmith, inzwischen Radiomoderator, seinen Vater nach der Vergangenheit zu befragen. Daraus entstand das im Jahr 2000 erschienene Buch „The Inextinguishable Symphony“ ,  Nielsens programmatischer Titel schien auch die Biografie der Eltern zu bergen.

Wie schwierig dieser Bergungsversuch war, davon erzählt nun ein Film, der Dokumentarisches mit Spielhandlungen mischt, ein Hybrid jenseits fester Genrezuordnung. In Standbilder aus den 1930er Jahren werden Schauspieler hineingestellt wie in Kulissen. Archivaufnahmen und inszenierte Spielszenen in Schwarz-Weiß machen die systematische Ausgrenzung und Drangsalierung  jüdischer Deutscher gegenwärtig. Die Ambivalenz des Kulturbunds in seiner Funktion als „Ghetto“, wie ihn dessen Mitbegründer Julius Bab nannte, als befristete Existenzmöglichkeit und schließlich als tödliche Falle wird in exemplarischen Aufnahmen deutlich.

Die Zeitebenen durchdringen einander,  wiederkehrender Ausgangspunkt ist immer wieder das Gespräch zwischen Vater und Sohn, im Jahr 1996 in einem Haus in Tucson, Arizona angesiedelt. Dabei ist die Stimme von Martin Goldsmith zu hören, doch ihm antworten Gestalt und Stimme des Bruno Ganz. Günther Goldschmidt, der in den USA seinen Namen zu George Goldsmith amerikanisierte, ist in der  Darstellung durch Bruno Ganz nicht anwesend, kann es auch nicht sein. Bruno Ganz verschwand nie hinter den Figuren, die er spielte. Sein der Trauer abgerungenes Lächeln, seine Wärme, seine Stimme – sie fehlen, aber schiebt sich mit einem solchen Schauspieler nicht ein Gigant über eine reale Person, die unsichtbar bleibt?

Warum der Regisseur zusammen mit seinem Co-Drehbuchautor Martin Goldsmith gerade diese Form gewählt hat, wird nicht ganz plausibel. Liegt ihr ein unausgesprochener Konflikt zugrunde? Die mitunter harsche Form der Befragung des Vaters durch den Sohn legt dies nahe. Martin Goldsmith wirft dem Vater an einer Stelle nicht weniger als ein vertanes Leben vor. Warum hat er vierzig Jahre eine Arbeit getan, die er hasste? „Das war für uns auch kein Zuckerschlecken“, lässt er den Vater wissen. Warum nur lebt er in einer Wüstenstadt in Arizona, obwohl er das Grün in der Natur mag und den Wechsel der Jahreszeiten? Am Ende werden die Ursachen dieser für den Sohn so rätselhaften Selbstverleugnung in einer Spielszene aufgelöst.  Diese wiederum konnte nur Bruno Ganz vor falschen, melodramatischen Tönen bewahren.

Winterreise Deutschland/Dänemark 2019, Regie: Anders Ostergaard, Buch: Anders Ostergaard und Martin Goldsmith, mit  Bruno Ganz und Leonard Schleicher, 88 Min., Farbe