Nach zwei Stunden plötzlich der Satz: „Was glaubst du eigentlich, du, Saujude, du – ?“ Die Regieanweisung im Text will, dass er gebrüllt wird. Aber Bernd Stempel brüllt nicht. Kein Satzbellen, kein Silbenschleudern. Er spricht mit einer scharfen Mischung aus kaltem Hass und heißer Beherrschtheit. Er setzt diesen Satz wie ein Giftgeschenk auf den großen runden Tisch. Niemand will es, alle starren es an.

120 Minuten Prolog, danach ein Blitzeinschlag: „Was glaubst du eigentlich, du, Saujude, du –?“ Das Spiel stockt. Stille. Ein paar begeisterte, ein paar entsetzte Starr-Blicke am Tisch. Weiter geht’s. Ein Kind kommt, es sieht den geschmückten Baum: „Ist denn schon Weihnachten?“ Das Kind zündet eine Kerze an, die Mutter sagt: „Wie schön.“ Danach noch etwas Musik. Bach, Wohltemperiertes Klavier, Prelude in Es-Moll. Abspann. Ende.

„Wintersonnenwende“ ist ein family play, Abteilung Konversationsstück. Albert schreibt Bücher, gern über Holocaust und Hitler, derzeit über „Weihnachten in Auschwitz“. Bettina macht Filme, „schwer verkäufliche Filme, keine Massenware“. Sie haben ein Kind und Corinna zu Besuch, Bettinas Mutter. Außerdem anwesend: Freund Konrad, ein Maler. Später noch Rudolph, eine Zugbekanntschaft Corinnas. Er nennt sie Gudrun. Er trägt das Blondhaar nach hinten gekämmt. Grauer Anzug, goldene Brille, aufgewachsen in Paraguay, Arzt von Beruf, Klavierspieler. Das ist der Mann mit dem „Saujuden“-Satz. Es ist der 23. Dezember, kurz nach Wintersonnenwende, kurz vor Heiligabend. Immer eine kritische Zeit.

Alles in diesem Stück ist, wie es sich für ein Familienkrisenstück gehört. Er hat eine Liebschaft, sie hat eine Liebschaft. Die Mutter nervt, der Freund säuft. Die Dialoge pendeln zwischen Zynismus und Verzweiflung. Man spricht, als sei Sprechen ein Produkt der Seifenblasenindustrie. Das kann Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, vielgespielter Autor auf deutschen Bühnen: Dramentexte basteln, die auf ihrer glattgescheuerten Oberfläche immer wieder ausrutschen. Gern inszeniert er seine Werke selbst. Diesmal überließ er Jan Bosse die deutschsprachige Erstaufführung des im Januar in Stockholm urinszenierten Textes.

Zwei Stunden spazieren Regie und Text händchenhaltend über die Bühne von Stéphane Laimé, immer auf der Suche nach kleinen Leuchtinseln für die Schauspieler. Felix Goeser als Albert kickt seine Figur mit Raffinesse ins Komische, Judith Hofmann taucht ihre Bettina gern unvermutet ins Grelle, Jutta Wachowiak projiziert die Gudrun-Seite ins Großflächige und die Corinna-Seite ins Garstige. Edgar Eckert lässt seinen Konrad in einer schönen Krawallnummer explodieren. Die Weingläser fliegen vom Tisch, der Weihnachtsbaum kippt herunter. Es sind viele Wege zwischen glucksender Ironie und stürmischem Ernst, den dieser Abend entdeckt. Aber die Konflikte wirken, als seien sie in einer Klöppelwerkstatt in Auftrag gegeben worden. Die Figuren tragen ihren Oberflächentrug wie Schnitzwerke vor sich her. Sie hüpfen von der Erzähl- in die Einfühlungsposition und können ihre raschelnde Ausgedachtheit nie verbergen. Sollen sie auch nicht. Aber was wollen sie dann?

Jan Bosse antwortet darauf, indem er sich am Ende von der Vorlage losreißt und mit diesem einen „Saujuden“-Satz die gesamte Familiendramenblase platzen lässt. Und weil Bernd Stempel seinen Rudolph gekonnt in die Schwebe zwischen Alt- und Neunazi versetzt, ihn so liebenswürdig wie infam aussehen lässt, ist er ein echter Wirkungstreffer. Das Stück zerbröselt, die gesamte Scheinwelt verpufft.

Braucht es dafür zwei Stunden Anlauf? Vielleicht. Vielleicht spricht Rudolph diesen Satz auch nur in der Albtraumwelt Alberts. Diese Deutungsspur legt Schimmelpfennigs Text. Bosse folgt ihr nicht – bei ihm ist er der Statthalter einer Wirklichkeit, die sich nicht wegbrüllen lässt, durch kein Weihnachts-, Familien- oder Theaterklimbim aus der Welt zu schaffen.

Schimmelpfennig hüllt sein Personal in einen Schleier, den es herunterzureißen gilt, verbunden mit der vagen Hoffnung auf eine diffuse Erlösung zum Besseren; bei Bosse ist diese Hoffnung nicht mehr, bei ihm sind alle Schleier längst weggezogen. Seine Figuren sprechen zwar vorlagengemäß Schimmelpfennig-Sätze, meinen aber eine andere Wirklichkeit, die wie ein Fakten etwas vermeldet wird: der Himmel leer und alle Horizonte vermauert. Nur das Kind glaubt noch an die Leuchtkraft der Zukunft.

„Wintersonnenwende“ am Deutschen Theater: eine Inszenierung, die sich gegen das Stück wendet, indem sie es aufführt. Ein seltener Fall von Regietheater: Werkentledigung durch Werktreue.