Martine Chevallier (l.) als Madeleine und Barbara Sukowa als Nina in einer Szene des Films "Wir Beide".
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BerlinEigentlich ist das doch kein Thema mehr. Zwei Frauen, die einander lieben. Was hat denn mehr Recht als die Liebe, egal wo sie hinfällt? Warum also dieses Versteckspiel, das diese beiden Frauen seit Jahren betreiben? Getarnt als gute Nachbarinnen leben Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) seit Jahren in einer leidenschaftlichen Beziehung. Jede hat den Schlüssel zur Wohnung der anderen, der Flur zwischen den Türen gehört allein ihnen, ein idealer Grundriss für den Wechsel von Innigkeit und Rückzug. Und doch wollen sie weg, aus dem französischen Süden, dort, wo er nicht glänzt, nach Rom, wo sie sich einst kennengelernt haben. Sie haben ihre Gründe dafür.

Der Regisseur Filippo Meneghetti führt die beiden Frauen in seinem Spielfilmdebut gleich in den ersten Szenen als behutsam Liebende ein, sie sind Frauen in ihren Siebzigern, Frauen, die ihre Körper mögen und das Alter in großer Loyalität miteinander tragen. Sie könnten alles schaffen, wäre da nicht Madeleines Kleinmut gegenüber ihren längst erwachsenen Kindern. Ihnen will die seit Jahren Verwitwete die Illusion von der einst glücklichen Familie nicht nehmen.  Für sie hat sie in ihrer Wohnung ein Museum errichtet. Kinderbilder, Jugendbilder, Erinnerungs-Nippes, bis hin zur ungeliebten Antik-Uhr, um die sich die Geschwister bereits streiten.  

Bei einer Familienfeier, zu der Nina nicht geladen wird, selbstverständlich nicht, sagt sie es den Kindern wieder nicht. „Du bist erbärmlich“, schreit Nina danach auf der Straße, vor den Augen eines Maklers, der Madeleines Wohnung verkaufen sollte. „Haben Sie was gegen alte Lesbierinnen?“, setzt sie noch hinzu, er verneint. „Siehst du“, sagt Nina. Aber das erzwungene Coming-out überfordert die empfindliche Madeleine. Sie ist kein Freigeist wie Nina, an ihr klebt viel kleinbürgerlicher Ballast, den sie nicht abschütteln kann. Ein Unglück schließlich lässt sie verstummen und nimmt ihr die Geliebte, die von den Kindern als aufdringliche Nachbarin betrachtet wird. Familien wie diese funktionieren über Ausschluss. Jeder Satz, den die Tochter (Léa Drucker) an Nina richtet, ist ein Platzverweis.

Ein Drama, keine Frage, aber Meneghetti erzählt den Kampf zweier Frauen um ihre Liebe eher als Thriller. Er macht sie zu Komplizinnen, die den immer brutaler werdenden Übergriffen der Kinder und der Fürsorge-Bürokratie ihren Einfallsreichtum und ihre Unerschrockenheit entgegensetzen. Ninas Türspion, gewöhnlich nur ein Guckloch ängstlicher, misstrauischer Menschen, wird zum wichtigsten Instrument im Katz-und-Maus-Spiel mit den Kindern.  Nur selten verlässt die Kamera dabei die gedämpft beleuchteten Innenräume, die sie aber nie ganz entschlüsselt. Einmal kehrt sich der Blick um, da steht Nina verzerrt vor dem verborgenen Auge der Betrachterin. Meneghetti liebt das Spiel mit den Bauelementen des Thrillers – übertreibt es aber nicht. Er vernachlässigt keine Figur irgendwelcher Effekte wegen.  Mit großer Präzision umreißt er das soziale Gefälle zwischen den Frauen. Die Pflegerin, die von der Tochter – einer Friseurmeisterin mit gut gehendem Salon – engagiert wird, muss verschleiern, dass sie sich kein Auto leisten kann. „Ist in der Reparatur.“ Ihr Sohn hat schon den kriminellen Weg gewählt. An ihm prallt selbst Ninas stählerne Bestimmtheit ab.

Barbara Sukowas Französisch variiert in diesem Film von mühelosem, nahezu akzentfreiem Sprechen bis hin zu steifem Konversationston mit hartem Klang. Da weiß einer sehr genau Bescheid darüber, wie sich das Sich-Verstellen bei einer Nicht-Muttersprachlerin anhört. Wie sich das Fremdsein in einem Land und einer Sprache anfühlen kann. Meneghetti hat seine Figuren für diese beiden Schauspielerinnen geschrieben, es ist ein Zusammentreffen zweier Gigantinnen der leisen Töne, auch wenn sie lauter werden, wie Barbara Sukowa in ihrer verzweifelten Wut. Welche Lebens-Landschaften diese Gesichter erzählen, wie beredt ihre Blicke sind! Martine Chevallier spricht größtenteils allein mit ihren Augen, damit setzt sie ihre Befreiung ins Werk. Denn darum geht es auch, immer noch.

Wir Beide Frankreich/Luxemburg, Belgien 2019, Regie: Filippo Meneghetti, Darsteller: Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker u. a, Spielfilm, 95 Min., FSK 6