„Wir sind die Millers“ mit Jennifer Aniston: Hab mein Wagen voll geladen

Heute spielen wir mal ein lustiges Spiel. Es heißt: Glückliche Familie. Was Heeren von Psychotherapeuten viele Patienten und ein gutes Auskommen beschert, sollte eigentlich eine gute Komödie abgeben. Und es fängt ja auch ganz toll an. Da sucht sich also der gutherzige Drogendealer – er verkauft nicht an Kinder – ein paar Verlorene zusammen, um an der mexikanischen Grenze einen guten Eindruck zu machen.

Eine Stripperin, ein Ausreißermädchen und der verkorkste Junge von nebenan machen zusammen nach außen hin einfach einen besseren Eindruck als ein verzauselter Alt-Slacker allein mit einem Haufen Gras im Gepäck. Ein Wohnmobil mit den Dimensionen eines Blauwals lässt die Tarnung perfekt erscheinen. Als Transportmittel fasst es zwei Tonnen Marihuana, feinster mexikanischer Stoff.

Dass sich die kriminelle Bande bald aufführt wie eine richtige Familie, versteht sich von selbst. Nach innen funktioniert das Rollenspiel aber leider überhaupt nicht, doch nach außen wird die Fassade nur mühsam gewahrt. Den realen Gehalt dieser Maskerade deutet der Regisseur Rawson Marshall Thurber (u..a. „Voll auf die Nüsse“) mit seinem Film immer wieder an.

Und ob man es nun tragisch nimmt oder komisch: Als dysfunktionaler Schrotthaufen sind die Millers, wie sie sich nennen, völlig normal. Nicht zuletzt steckt in „Wir sind die Millers“ eine bissige Parodie auf gefühlige Indie-Filme wie „Little Miss Sunshine“, in denen offenkundig verständige Familienmenschen so tun, als hätten sie massive Probleme. Bei den Millers ist es genauso, nur umgekehrt.

Doch auch die sage und schreibe vier Drehbuchautoren konnten sich nicht einigen; das haben sie immerhin mit den Millers gemeinsam. Nach einem beeindruckenden Start verläuft sich das Ganze in belanglosen Witzen unter der Gürtellinie. Warner Bros. – es handelt sich um eine teure Hollywood-Studio-Komödie – wollte es offenbar so haben wie bei der billigeren Konkurrenz.

Dem Film fehlt, etwas hochtrabend ausgedrückt, die komödiantische Kontingenz. Jeder tut hier einfach irgendetwas, ganz gleichgültig, ob es nun der Situation oder dem Charakter dienlich ist oder nicht. Der nette Dealer, gut gespielt vom Comedian Jason Sudeikis, wird als Vater zum zynischen Widerling. Und wenn gar nichts mehr hilft, wird der pubertierende Knabe eben von einer Tarantel in die Hoden gebissen. Auch das kommt in den besten Familien vor. Aber Plastikprothesen sind nun wirklich keine Lösung.

Wie viel mehr hier doch drin gewesen wäre, zeigt sich an Jennifer Aniston. Als Stripperin am Ende ihrer Kräfte und in der sukzessiven Entwicklung von Muttergefühlen zeigt diese Schauspielerin eine dramatische Präsenz wie noch nie zuvor. Komödie kann sie sowieso, aber eben auch alles andere – außer strippen. Gegen Ende noch einmal dazu genötigt, hat man mehr Mitleid mit Aniston, als es die Rolle verlangt. „Wir sind die Millers“ ist kein Film zum Durchwinken, dafür bietet er zu harten Stoff, und auch den einen oder anderen besseren Gag. Aber er verschleudert leider ein enormes Potenzial.