Ulrich Gregor und seine Frau Erika in ihrer Wohnung am Eichkamp.
Foto: Sabine Gudath

BerlinDie Eichkamp-Siedlung am Grunewald ist ein beschauliches Wohnviertel. Zweistöckige Häuschen mit liebevoll gepflegten Vorgärten säumen die schmalen Wege. Kaum zu glauben, dass von dieser gemütlichen Gegend einige der wichtigsten Impulse für die europäische Filmkultur ausgingen. Erika und Ulrich Gregor zogen in den frühen 60er-Jahren in das von Max Taut konzipierte Wohnviertel. In ihrem Haus wurden Retrospektiven, Ausstellungen und Bücher entworfen und kulturpolitische Strategien entwickelt.

Regisseure und Künstler aus aller Welt gingen und gehen ein und aus. István Szabó lebte hier mehrere Monate unter dem Dach. Gegenüber neugierigen Anrufern gab er sich scherzhaft als Gärtner aus. Auf die eigene Gartenarbeit haben sich die Gregors jedoch nie zurückgezogen. Fast täglich sind sie im Kino Arsenal zu finden, in der ersten Reihe rechts auf ihren Stammplätzen. Im heimischen Arbeitszimmer gibt es kein Fleckchen, auf dem keine Bücher, keine VHS-Kassetten, DVDs oder Festivalkataloge liegen würden.

Frau Gregor, Herr Gregor, in diesem Jahr findet die Berlinale zum 70. Mal statt, das von Ihnen gegründete Internationalen Forum des Jungen Films wird als Teil des Festivals 50 Jahre alt. Wie sahen die Anfänge aus im West-Berlin der späten 50er-Jahre?

Ulrich Gregor: Einer der Anstöße dafür war, dass es die Filmsammlung von Gerhard Lamprecht (Regisseur u.a. von „Emil und die Detektive“, 1931, Anmerkung der Redaktion) gab, die er über den Krieg gerettet hatte und die gerade vom Senat aufgekauft worden war. Wir dachten: das ist großartig, jetzt muss etwas mit diesen Filmen gemacht werden, sie dürfen nicht nur im Regal rumliegen. Deshalb haben wir die Freunde der Deutschen Kinemathek gegründet. In Sachen Film war Deutschland damals eine Wüste. Von 1954 bis 1956 bin ich hauptsächlich deshalb nach Paris zum Studium gegangen, um dort Filme zu sehen in der Cinemateque Française. In Paris gab es damals schon eine starke Filmklubbewegung, mit der ich in Austausch stand. Man musste etwas in diese deutsche Leere hineinbringen. Es gab Anregungen verschiedener Art: die Cinémathèque mit Henri Langlois in Paris, auch Bücher, wie Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“, das damals noch nicht einmal ins Deutsche übersetzt war.

Erika Gregor: Ulrich hatte schon vor 1963 Filme in West-Berlin gezeigt, im Filmklub der Freien Universität. Dort haben wir uns Ende 1957 kennengelernt. Der erste von uns gemeinsam gezeigte Film war „Das Wachsfigurenkabinett“ von Paul Leni – als ein Beispiel für die „gute“ deutsche Filmgeschichte. Am selben Abend stellten wir im zweiten Teil die Kurzfilme der Oberhausener vor – also das allerallerneueste. Das war am 25. Mai 1963 ... die Oberhausener hatten eben erst angefangen. In der zweiten Veranstaltung haben wir dann den Film eines Deutschen gezeigt, der seine Heimat verlassen musste: „Juarez“ (1939) von William Dieterle. Bei der dritten Vorführung zeigten wir dann schon „ Apus Weg ins Leben“ (1955) von Satyajit Ray aus Indien. Diese ersten drei Veranstaltungen skizzieren eigentlich schon ziemlich genau das, was wir wollten: Filmgeschichte, Gegenwart und Weltkino. Gleich danach folgten dann die Filme der US-amerikanischen Avantgarde.

Ein Paar der Filmgeschichte


Erika und Ulrich Grego
r (geb. 1935 bei Bremen und 1932 in Hamburg) lernten einander 1957 an der Freien Universität West-Berlin kennen und heirateten. 1963 gründeten sie den Verein Freunde der Deutsche Kinemathek (seit 2008 Arsenal − Institut für Film und Videokunst), mit angeschlossenem Filmverleih, Kinosälen und Museum.

Das Berlinale Forum geht auf Initiative der Gregors zurück. Ihren Ursprung hat die Programmreihe in dem Skandal um Michael Verhoevens Anti-Vietnamkrieg-Film „o.k.“, der die Berlinale zum Erliegen brachte. Die Gregors veranstalteten ein Gegenprogramm, das von der wegen der Berlinale angereisten Presse stark wahrgenommen wurde. Heute ist das Forum eine nicht wegzudenkende Sektion der Berlinale.

Die 60er-Jahre wirken heute wie das Goldene Zeitalter des Kinos.

Ulrich Gregor: Anfang der 60er-Jahre herrschte eine Aufbruchsstimmung wie nie zuvor – und wie auch nicht mehr danach. Damals hat sich viel bewegt. Und das passierte im Westen wie im Osten.

Erika Gregor: Und in Südamerika und Asien auch. Glauber Rocha in Brasilien, Nagisa Oshima in Japan – die fingen auch damals an.

Wie kann man sich die Atmosphäre im West-Berlin der späten 50er-, beginnenden 60er-Jahre vorstellen?

Erika Gregor: Es gab viele Anfeindungen. Letztlich waren wir ja nur eine kleiner Haufen. Im 10er-Bus von Halensee zur FU wurde ich beschimpft, ich solle doch in den Osten gehen. Man hätte wohl vergessen, mich zu vergasen.

Ulrich Gregor: Aber hinter uns standen viele. Auch als wir später das Arsenal eröffneten, konnten wir uns nie über mangelndes Publikum beklagen. Wir wollten unser Land verändern. Und wir waren damit nicht allein. Es gab auch die Schaubühne, die sich für Studenten öffnete. Oder den Wagenbach-Verlag, der 1964 gegründet wurde. Die Arbeit von Walter Höllerer im Literarischen Colloquium und andere Einflüsse waren für uns wichtig. Geld haben wir damit alle nicht verdient.

Erika Gregor: Wir hatten keine Visitenkarten, keine Kopfbögen, wir hatten kein Büro. Ulrichs Schreibtisch stand bei uns zu Hause. Ja, aber das macht einem nichts aus, wenn man jung ist. Wir haben an das geglaubt, was wir gemacht haben. Ich bin praktisch bedürfnislos. Wir sind Kriegskinder. Ich brauchte keinen Friseur, die Marmelade bekam ich von meiner Mutter. Wir brauchten wirklich sehr wenig Geld.

ULRICH GREGOR: Wir wollten das machen, was uns als wichtig erschien und wird hofften dabei auf einen gewissen Widerhall. Wir haben uns damals auch sehr mokiert über das Programm der Filmfestspiele.

Ulrich und Erika Gregor, Cineasten und Mitbegründer des Kino Arsenal.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

Wie gestaltete sich denn das Verhältnis zur Berlinale und zu Festivaldirektor Alfred Bauer speziell?

Ulrich Gregor: Wir hatten totale Distanz zu ihm. Mit den Normen der Höflichkeit ging es gerade eben noch. Er war zum Beispiel überzeugt, dass wir 1970 das ganze Debakel mit dem Film „o.k.“ und die Turbulenzen ringsherum angezettelt hätten, mit dem Ziel, ihn aus dem Amt zu entfernen und uns dann an seine Stelle zu setzen.

Erika Gregor: Wir wussten damals nur, dass er früher bei der Ufa gewesen war. Er hat uns nicht gemocht, natürlich nicht. Und wir haben ihn auch nicht gemocht. In den 50er-Jahren war die Bundesrepublik dabei, reich zu werden. Und kaum hat dabei jemand nach außen geguckt. In allen wichtigen Posten saßen noch Nazis. Wo sollten sie denn auch geblieben sein?! Was macht man mit dem Gefühl, wenn um einen herum überall gut gelaunte Mörder leben? Irgendwann entwickelt man einen solchen Hass, dass man am liebsten auswandern möchte. Zurück nach München oder Göttingen konnte ich nach dem Studium unmöglich gehen. Deshalb bin ich nach West-Berlin gezogen. Weil es dort auch noch Ost-Berlin gab.
Die Beschäftigung mit dem Holocaust wurde dann zu einem wesentlichen Programmschwerpunkt im Arsenal und auf dem Forum...

Erika Gregor: Wir haben stellvertretend die Schuld auf uns genommen. Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch – aber es war eben so.

Auf welche Weise fanden die Filme aus Osteuropa und aus der DDR Eingang in Ihre Programme?

Erika Gregor: Von Anfang an waren diese Filme Teil des Programms bei den Freunden der deutschen Kinemathek, sogar schon vorher, als wir noch an der FU Filme zeigten. Ulrich, Du kamst damals aus Cannes und hattest Filme aus Polen gesehen: „Asche und Diamant“ und „Kanal“ von Wajda und „Der Mann auf den Schienen“ von Munk.

Ulrich Gregor: Ja, daraufhin fuhr ich zur polnischen Militärmission und erzählte dort, dass wir diese Filme zeigen wollen. Auch zur sowjetischen Botschaft nach Ost-Berlin sind wir gefahren, haben einfach die Klingel gedrückt. Man hat uns erst einmal eine Dreiviertelstunde in einem vergitterten Raum warten lassen, weil die nichts mit uns anfangen konnten. Aber mit den Polen hat es sofort gut funktioniert. Sie haben sich mit Warschau kurzgeschlossen, und wenig später haben wir die Filme bekommen. Schon im Sommer 1958 konnten wir deshalb an der FU polnische Filme zeigen. 1967 kam Wajda erstmals ins Arsenal.

Ulrich Gregor: Es gab von einigen Ostblockstaaten Angebote – aber nicht von der DDR. Wir sind natürlich auch dort vorstellig geworden. Man hat uns im Kulturministerium ausweichende Antworten gegeben, mit Verweis auf die komplizierte politische Situation des Viermächte-Status. Das könne nur das Zentralkomitee entscheiden.

Erika Gregor: Ein einziges Mal hat es dann geklappt, und zwar mit Konrad Wolf und seinem Film „Der geteilte Himmel“. Ich habe ihn direkt von Ost-Berlin aus angerufen. Und er kam tatsächlich auch zu uns, um den Film persönlich vorzustellen. Es war brechend voll. Alle anderen Versuche sind gescheitert. Wir haben polnische, sowjetische und ungarische Filme gezeigt – aber die DDR wollte nicht.

Ulrich Gregor: Die Berlinale fing ja mit dem Motto an: „Ein Schaufenster zur freien Welt“. Die wollten den Ostblock gar nicht dabei haben. Später hat sich das dann gelockert und man bemühte sich um Filme aus dem Osten. Dann wurde das aber von dort aus blockiert. Denn die Berlinale wurde direkt von Bonn aus finanziert. Weil West-Berlin aber aus sowjetischer Sicht kein Teil der Bundesrepublik war, konnte man keine Filme dort hinschicken. Das hat sich erst 1974 aufgelöst. In jenem Jahr liefen dann zum ersten Mal sowjetische Filme auf der Berlinale. Im Wettbewerb wurde „Mit dir und ohne dich“ von Rodion Nachapetow gezeigt und bei uns „Kalina Krasnaja“ von Wassili Schukschin.

Wann wurde die Zusammenarbeit mit der Ost-Berliner Seite einfacher?

Erika Gregor: Das wurde nie richtig einfach. Wir wollten zum Beispiel unbedingt die Dokumentarfilme von Jürgen Böttcher zeigen. Das wurde immer abgelehnt. Die ostdeutschen Funktionäre waren uns gegenüber sehr arrogant und misstrauisch, offenbar waren wir ihnen als westdeutsche Linke etwas unheimlich. Es hieß einmal: Frau Gregor, mit ihnen kann man gar nicht reden, Sie sind ja linksradikal. Das war für die viel schlimmer als die CDU.

Gab es auch Momente, in denen Sie vielleicht nahe am Aufgeben waren?

Ulrich Gregor: Im Jahr 2000 hieß es plötzlich, dass das Land Berlin seine gesamte Förderung für uns einstellen muss, weil die Stadt pleite ist. Das hätte das Aus bedeutet. Wir haben daraufhin eine weltweite Aktion gestartet, haben an alle unsere befreundeten Filmemacher geschrieben, sie mögen bitte Solidaritätserklärungen an den Senat schreiben. Es hieß dann, dass man in der Senatskanzlei jemanden einstellen musste, weil der Posteingang nicht mehr zu bewältigen war. Die Aktion war erfolgreich, die Entscheidung wurde rückgängig gemacht.

Das Gespräch führte Claus Löser