Lisa Eckhart während einer WDR-Aufzeichnung.
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BerlinWenn es darum geht, vermeintlich oder tatsächlich verunglückte Satire-Beiträge zu entfernen, kann der WDR sehr fix sein: Als Ende 2019 in einem Beitrag das Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ unter den Vorzeichen des Klimawandels einen neuen Text – aus der motorradfahrenden Oma war eine „Umweltsau“ geworden – bekam, handelte der Sender nach ersten Protesten blitzschnell: Die vergleichsweise harmlose Satire wurde aus der WDR-Mediathek genommen. Intendant Tom Buhrow entschuldigte sich „ohne Wenn und Aber“ für den „Fehler“.

Nun hat der WDR abermals Ärger mit einem Satire-Beitrag. In der Sendung „Mitternachtsspitzen“ hatte die Kabarettistin Lisa Eckhart munter antisemitische Klischees verbreitet. Im Zusammenhang mit der MeToo-Diskussion und Vorwürfen gegen Männer wie Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski witzelte sie etwa: „Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Dietrich Mateschitz ein Red Bull auszugeben.“ Mateschitz gehört der Konzern, der das klebrige Getränk mit dem Bullen-Logo vermarktet.

Der Beitrag wurde zwar bereits 2018 gesendet, ist aber im November 2019 vom WDR bei Facebook gepostet worden. Dort wurde die „Jüdische Allgemeine“ auf ihn aufmerksam. Das Blatt holte dazu diverse Statements ein: Mehrere jüdische Organisationen aus dem In- und Ausland protestierten gegen Eckharts Satire. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nannte das Stück „geschmacklos und kritikwürdig. Sein hessischer Amtskollege, Uwe Becker, forderte den WDR auf, den Beitrag aus seiner Mediathek zu nehmen. Der Grünen-Politiker Volker Beck erstatte Programmbeschwerde. Nur der WDR reagierte auf eine Anfrage des Wochenblatts nicht.

Am Mittwoch äußerte der Sender sich dann doch. Eckhart habe „ein hochaktuelles, für Satire naheliegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Juden, People of Color, Homosexuellen, Transgendern und Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um genau diese Vorurteile schonungslos zu entlarven“, ließ der WDR wissen. Im Übrigen stehe man zur „Satirefreiheit als essenziellem Teil der Meinungsfreiheit“.

Ist Antisemitismus beim WDR erlaubt, wenn Satire drübersteht? Und dürfen umgekehrt Omas nicht einmal zur Zielscheibe von vergleichsweise mildem Spott werden? Mit anderen Worten: Gibt es im WDR doppelte Standards? Es handele sich um „Einzelfall-Entscheidungen“, sagt eine Sendersprecherin. Beide Fälle seien „nicht vergleichbar“.

WDR-Intendant hat sich für das Eckhart-Stück, das nach wie vor in der Mediathek seines Senders steht, bisher übrigens noch nicht entschuldigt.