Sind das jetzt wenige oder viele Menschen, die diese Weltkarte bilden? 
Foto: Imago Images

BerlinDas Unternehmen Wirecard musste im Juni einräumen, dass es keine Nachweise für einen Teil seines Bankguthabens besitze. 1,9 Milliarden Euro sind weg. Keiner hat sie gesehen. Natürlich ist das viel Geld für meine Leser und mich – eine Milliarde sind immerhin tausend Millionen. Aber meine Vorstellung von Reichtum hat sich verändert: Jeff Bezos, der Chef von Amazon, besitzt nämlich 171 Milliarden Euro: Das sind 193 Milliarden Dollar, Quelle: Statista vom 7. August 2020. Allein an einem Tag, am 20. Juli, nahm er 13 Milliarden Dollar ein, weil da der Onlinehandel besonders anstieg.

Mit seinem Privatvermögen ist Jeff Bezos der mit Abstand reichste Mann der Welt. Er könnte sich 155-mal die legendäre Jacht „Eclipse“, samt eigenem Raketenabwehrsystem, von Roman Abramowitsch kaufen, 28-mal den Buckingham Palace der Queen oder 23-mal Real Madrid. Er könnte das Budget der UN von 2020 übernehmen oder mit einem Achselzucken die Bilanzdifferenz von Wirecard.

Die Zahlen über Wirecard und Amazon erreichten mich etwa zur gleichen Zeit. Ich stellte sie einander gegenüber: Im Verhältnis zum verbürgten Besitz von Jeff Bezos haben die Gründer des Zahlungsdienstleisters nur ein bisschen erfundenes Geld in Umlauf gebracht. Nicht mal eine einzige „Eclipse“ hätten sie mit den 1,9 Milliarden Euro bezahlen können. Ich kann so cool darüber reden, weil ich keine Aktien gekauft habe, obwohl Wirecard zwischendurch mehr wert war als die Deutsche Bank.

Meine Entdeckung bestand im genaueren Nachdenken über Wörter wie „im Verhältnis“, „verhältnismäßig“, „unverhältnismäßig“. Anders als „viel“ oder „wenig“ wirken sie maßvoll. Sie rücken auf ruhige Art die Dinge an ihren Platz, sie messen an, sie vergleichen mit. Es verweist auf Erfahrungen, Informationen im Verhältnis zu anderen Informationen zu denken: „Eine verhältnismäßig hohe Besucherzahl“ klingt ganz anders als „nur wenige Besucher“.

Vor einiger Zeit las ich diese Information: Zum Inselstaat Philippinen gehören nach neuerer Radarmessung 500 Inseln mehr als bislang bekannt. Eigentlich nicht zu fassen. Aber da kann man eben auch verhältnismäßig denken: Wenn ein Staat tatsächlich über 7641 eigene Inseln herrscht, dann sind 500 übersehene nicht so spektakulär. In dem Text stand ja auch nicht, ob die Neuen vielleicht nur Inselchen sind, die mit etwas Sand aus dem Wasser gucken.

Wer sich mit dem Wort „Verhältnis“ genauer beschäftigen möchte – bei Woxikon im Netz geht das leicht –, der findet 660 Synonyme in 31 Gruppen. Eine unglaubliche Verbreitung. Ohne die Beachtung von Verhältnismäßigkeiten fehlte uns die Orientierung in Zeit und Raum. In der Mathematik bezeichnet der Quotient ein Verhältnis von zwei Größen zueinander. Zum Beispiel ergibt sich aus der Berechnung des einzelnen zum Gesamtmaßstab der Intelligenzquotient.

Wenn man erst mal damit angefangen hat, fallen überall die Verhältnisse auf. Eine Form ist die außereheliche Beziehung. Man könnte auch „Affäre“ sagen, „Liebschaft“, „Bettgeschichte“, „die haben was“. Aber der Ton zieht die Sache moralisch runter. Fritzi Massary sang 1932 ein Lied und stellte im Refrain eine Frage, die durch Beiläufigkeit im Gedächtnis bleibt: „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“