Mit Darth Vader im Urlaub fängt alles an. Das Surfbrett unter dem Arm steht er am Strand und. So ist das Vorwort im deutschen Wired bebildert, und weiter hinten in dem neuen Magazin bekommt der Leser ein weiteres Motiv aus der Fotoserie von Nick Presniakov zu sehen: Vader steht auf einem Segway und fährt hinter einem kleinen Mädchen über die Strandpromenade. Der dunkle Sith-Lord aus „Star Wars“ auf einem dieser Elektro-Roller, auf denen sonst Touristen ihren Urlaubsort erkunden – mit diesen Koordinaten ist das ästhetische und humoristische Referenzsystem schon ziemlich präzise abgesteckt, in dem sich Wired bewegt.

Diese für manchen vielleicht fremde Galaxis erkundet das amerikanische Wired seit 1993. Wie keinem anderen Magazin gelingt es dem Heft, eine Verbindung herzustellen zwischen High-Tech und Popkultur, zwischen Design und Bastler-Enthusiasmus. Wired hat dafür, ähnlich wie das ebenfalls im Verlag Condé Nast erscheinende New Yorker Gesellschafts-Magazin Vanity Fair, eine ganz eigene Sprache gefunden – und die hat wenig zu tun mit dem, wie hierzulande bisher über Technologie geschrieben wird.

Nachdem der deutschen Vanity Fair kein allzu langes Leben beschieden war, reagierten deshalb viele Beobachter alarmiert auf die Nachricht, dass der Journalist, Blogger und Medienberater Thomas Knüwer eine deutsche Pilot-Ausgabe von Wired entwickeln soll. Würde das Magazin nun Vergleiche der technischen Daten von 100-Billig-Laptops abdrucken wie die Computer Bild?

Ganz eigener Tonfall

Das Heft liegt seit gestern in einer Auflage von 160.000 Stück am Kiosk, und wer es zusammen mit dem Männermagazin GQ für fünf Euro kauft, wird feststellen: Wired hat auch auf Deutsch einen ganz eigenen Tonfall, Humor und eine spezielle Bildsprache. Das Magazin will kein Ableger des US-Originals sein, sondern beschäftigt sich ausdrücklich mit seiner Heimat. Das springt den Leser in der Rubrik „Start“ an, wo eine twitternde Eiche oder ein Berliner Professor vorgestellt werden, der perfekten Gin destillieren will. In Kolumnen tauchen Autoren wie Mario Sixtus, Richard Gutjahr oder Thomas Wiegold auf, deren Namen den vielen deutschen Internetnutzern ein Begriff sein dürften, was nicht gegen ihr Engagement spricht.

Weitere deutsche Netzprominenz wie Markus Beckedahl von Netzpolitik oder der Berliner Sicherheitsexperte Sandro Gaycken wird dann in der Titelgeschichte über die Geeks des Landes vorgestellt – nachdem Knüwer dem Leser erklärt hat, dass „Nerd“ oder „Freak“ Beleidigungen sind, „Geeks“ hingegen etwas verschrobene, aber begeisterungsfähige Experten, die Deutschland braucht.

Ganz so viel Bekenntnis zum Standort wäre vielleicht nicht nötig gewesen. Interessanter sind da Geschichten über die Flirt-Plattform Badoo oder die dunklen Seiten des Netzes, auf denen Drogen und Waffen gehandelt werden – vor allem aber die vielen liebevoll gestalteten Grafiken und Klein-Rubriken („Legendäre Sprünge zum (Nicht-) Nachmachen“), die besonders in der iPad-App zur Geltung kommen. Diese liefert in vielen Bereichen zusätzliche multimediale Inhalte, braucht sich vor dem US-Vorbild nicht verstecken und ist den Preis von 2,99 Euro unbedingt wert. Bis Condé Nast nun wie angekündigt die „Marktchancen“ bewertet und entschieden hat, was aus dem Projekt wird, können die Leser mit Darth Vader Urlaub machen.